Berlin : Exil-Afghanen: Kinder beider Völker singen für die Opfer

Amory Burchard

Ein Lied für Afghanistan, gesungen von afghanischen und amerikanischen Kindern aus Berlin. Das war gestern die gute Botschaft, die im Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrum in Neukölln ankam. Das Deutsche Rote Kreuz und die ARD wollen einen Chor aus hier lebenden Kindern beider Völker bilden. Sabour Zamani, der Leiter des Zentrums, soll ihnen dabei helfen. "Ich finde das ganz toll", sagt Zamani. Eben hatte er die USA noch angeklagt. Sie seien schuld, dass so viele Afghanen auf der Flucht sind: Weil sie die Taliban einst als Gegner der Sowjets aufbauten, und weil sie jetzt die Städte bombardierten.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Zamani und seine Kolleginnen im Kulturzentrum machen an diesem Morgen ein Wechselbad der Gefühle durch. Auch Bürokraft Tereschkowa Obaid verurteilt die militärischen Angriffe - und die Essensrationen, die hundertausendfach abgeworfen werden. "Wozu wollen sie denn die Menschen noch am Leben erhalten?", fragt die junge Frau. Diese Päckchen gehörten zum Propagandakrieg, erklärt ihr Zamani mit einem bitteren Lächeln. Ziel der Amerikaner sei es, das Volk von den Taliban "wegzulocken". Sie hätten noch immer nicht verstanden, dass die Taliban ohnehin keinen Rückhalt unter Afghanen hätten.

Nachdem das Rote Kreuz angerufen hat, sagt Zamani wieder ganz ruhig: "Meine Kinder haben überhaupt kein Problem, zusammen mit amerikanischen für die notleidenden Menschen zu singen." Es sei wichtig, für die Opfer zu sorgen. Das Kinderlied soll aufgezeichnet und im Ersten Programm gezeigt werden. Dann wird zu Spenden aufgerufen, die bislang vor allem mangels anrührender Bilder nur spärlich fließen.

Im Kulturzentrum, sagt Sabour Zamani, sei man beinahe am Ende seiner Kräfte. Ständig klingelt das Telefon, klopft es an der Tür. Exil-Afghanen, die reden wollen, über ihre Angst um die Verwandten zu Hause. Zamani ist ausgebildeter Familienberater, er glaubt diesen Leuten helfen zu können, indem er zuhört. Schwieriger sei es mit denjenigen, die einfach nur dasäßen und weinten. Geistigen Beistand kann er keinen vermitteln. Muttersprachliche muslimische Geistliche gibt es in Berlin nicht. Und dann die Journalisten, Kamerateams, Telefoninterviews. "In den 13 Jahren unseres Bestehens hat uns die Presse ganz schön in Ruhe gelassen - aber jetzt . . " Das Afghanische Zentrum ist der einzige Treffpunkt der kleinen Berliner Gemeinde mit rund 1000 Mitgliedern.

Tereschkowa Obaid will eigentlich gar nicht mehr über die Situation in ihrer Heimat sprechen. "Ach, was nützt das ganze Gerede denn - nichts!" ruft sie aus. Die Afghanin meint auch die Erklärungen, die alle westlichen Regierungschefs abgeben: "Es ist ein Krieg gegen die Taliban und kein Krieg gegen das afghanische Volk." Die Leute im Kulturzentrum sagen, sie hätten diesen Satz schon einmal gehört - "von den Russen". Und schon im Zweiten Weltkrieg kämpften die Alliierten auch nicht gegen das deutsche Volk, sondern gegen Hitler. Tereschkowa Obaid glaubt nicht an die guten Absichten der Amerikaner und der Briten. "Sie können mir nicht erzählen, dass sie nur die Taliban treffen wollen. In den Städten leben doch die Menschen." Das einzig sinnvolle Hilfe für die Zivilbevölkerung sei unterblieben: Schutzzonen im nicht von den Taliban beherrschten Gebieten einzurichten, die auch für kriegsmüde Mujahedin offenstehen sollten.

"So eine große Militäraktion mit Marschflugkörpern und B-2-Bombern auf dieses verwüstete Land." Abdullah Zekira lebt seit 26 Jahren in Berlin, er kam zum Soziologiestudium und blieb. Aber durch die Militärschläge fühle er sich ebenso angegriffen wie alle seine Landsleute im Exil - "weil unser Land angegriffen wird." Trotzdem ist Zekira einer der wenigen, der glaubt, dass die militärische Intervention zum Erfolg führen könnte. "Das ist wohl der letzte Versuch, und wehe, wenn er scheitert", sagt er. Wenn die Taliban entmachtet, der Nationalrat unter der Schirmherrschaft des Ex-Königs einberufen, eine Interimsregierung aufgestellt und alle Bürgerkriegsparteien durch die UN entwaffnet würden - dann könnte sich der Soziologe vorstellen, zurückzukehren. "Ich möchte mich an diesem Wiederaufbau in Afghanistan beteiligen, und es gibt tausende, die gerne dorthin gehen möchten."

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