Berlin : Existenzgründer: Vorbereitung auf das Hauen und Stechen

Thomas Loy

Wie beginnt man in Deutschland ein neues Leben? Mit einem Seminar. Erster Tag, kurz vor 9. Ein frischer, sonniger Himmel leuchtet durch das offene Fenster. Das richtige Wetter, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Reinhard Adler stellt seine Tasche auf das Pult und schaut aufmunternd in neun Gesichter. Sie verteilen sich in regelmäßigem Abstand an der u-förmigen Tischfront. Auf den Gesichtern fehlt es an Vielem. Sie zeigen keine Vorfreude, keine verspielte Leichtigkeit, keinen Tatendurst. Es sind Gesichter, auf denen sich Enttäuschungen eingegraben haben. Einige wirken ängstlich und verunsichert, flüstern. Das muss sich unbedingt ändern, bis zum Freitag.

Für das heitere Gemüt wird es ein harter Tag. Adler, eigentlich Dr. rer.pol. Adler, schreibt etwas krakelig auf das oberste Blatt: Wer bin ich? Woher komme ich? Was mache ich? Die Vorstellungsrunde. Das ist jetzt unangenehm, muss aber sein. Sich vorstellen ist überhaupt eines der wichtigsten Dinge später, draußen, wenn es darum geht, "an das Geld anderer Leute heranzukommen". Herankommen an das Geld anderer Leute, das ist der Kern der Aufgabe, sagt Adler mit entwaffnender Freude über simple Wahrheiten. Wie das geht, ohne eine Bank zu überfallen, sollen sie bei ihm lernen. Neun Menschen haben sich zum "Existenzgründer-Workshop" angemeldet. Bill Gates fing als gescheiterter Student in einer Garage an. Günther Fielmann war einfacher Augenoptiker. Sie entwickelten genial-simple Ideen, an das Geld anderer Leute heranzukommen. Dass sie einen VHS-Kurs besuchten, ist nicht überliefert.

Deutschland braucht aber Unternehmer, immer mehr. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen. Und deshalb wird tüchtig nachgeholfen. Unzählige Beratungsstellen, Vereine, Förderprogramme und Modellprojekte für Existenzgründungen sind in den vergangenen Jahren entstanden. Das Angebot ist kaum noch überschaubar. Die Förderbanken liefern sich einen Wettstreit um die jährlich rund 30 000 Berliner Existenzgründer. Ob ihre Programme auch wirksam sind, wissen sie nicht. Nach der Gründung ist der Jungunternehmer mit seinem Risiko allein. Experten schätzen die Pleiten-Quote in den ersten zwei Jahren auf 40 bis 50 Prozent. Im Berliner Handwerk sind es in den ersten drei Jahren sogar 75 Prozent. Die meisten Gründer scheitern nicht an zu wenig Geld, sondern an ihren persönlichen Fähigkeiten, sagt Adler. Der Markt funktioniert streng nach Darwin: Survival of the fittest. Adler nennt es lieber Hauen und Stechen.

Er muss es wissen, ist selbst Unternehmer, verkauft Bildung. In jungen Jahren hatte er schon mal ein Hotel geführt, bis es pleite ging. Danach verabschiedete er sich vom Unternehmertum, holte Abitur und Studium nach und schrieb Bücher über die Humanisierung der Arbeitswelt. "Dafür gab es sogar mal ein Ministerium. Das weiß heute niemand mehr." Nachdem er einen guten Job als Pädagoge an einer Heimvolkshochschule verloren hatte, machte er sich 1996 zum zweiten Mal selbstständig. Jetzt, mit 56 Jahren, ist er ganz zufrieden mit seinem Leben. In schwachen Momenten sehnt er sich aber auch ein wenig nach der Sicherheit des Angestellten-Daseins. Die ständige Unruhe, die Spannung zwischen Hoffen und Verzagen, das Neuorientieren und Umdenken geht an die Substanz. Das Thema Existenzgründung ist auf dem Bildungsmarkt eigentlich schon durch, sagt Adler. Der Gründungsboom der Nachwendezeit ist verflogen. Jetzt wollen alle Projektmanagement lernen. Das ist die Zukunft - zumindest auf dem Jobmarkt.

Da ist Mirko S., ein Elektro-Fachmann aus Ex-Jugoslawien. Er spricht leise, tastet die Wörter vorsichtig ab. Einen 630-Mark-Job hat er gegenwärtig. Nun will er mehr. Genaueres weiß er noch nicht.

Heike Fischer ist arbeitslos, seit ihre Startup-Firma im September 2000 kollabierte. Nun sucht sie nach neuen Perspektiven - irgendetwas zwischen Pudelsalon oder Bestattungsunternehmen. Samira Omar aus dem Irak möchte ein Taxiunternehmen gründen, um ihr Studium zu finanzieren. Artur Schramm aus Polen, seit einem Jahr arbeitslos, schwebt eine Service-Firma im IT-Bereich vor. Irina Anton aus Kirgisien ist Krankenschwester, doch ihr Vertrag läuft in einem Jahr aus. Deshalb plant sie, russische Spezialitäten in einem Einkaufszentrum anzubieten. Herr Jahnkes Baufirma wird gerade abgewickelt. Ein Konstruktionsbüro würde er gerne aufmachen, aber woher die Kunden nehmen? Adler bedankt sich für die "schönen Ideen", beugt sich zum Flipchart und schreibt: "Existenzgründung stellt das Leben auf den Kopf." Wumms!

Er möchte sie nicht entmutigen, versichert Adler, aber ... Jetzt kommen Sätze wie: Auf sie wartet keiner. Vom ersten Tag an müssen sie alles alleine entscheiden. Wenn Sie sich nicht verkaufen können, lassen sie es besser bleiben. Sie haben kein gesichertes Einkommen mehr. Adler betreibt die Desillusionierung der Illusionslosen. Er verteilt einen Persönlichkeitstest und eine "Checkliste" mit kritischen Fragen. Haben Sie das Zeug zur Unternehmerin? Sind Sie selbstbewusst? Ist Ihnen klar, das Sie sehr viel Geld verlieren können? Sind Sie bereit, auf Freizeit und Urlaub zu verzichten? Die Liste gibt es quasi als Hausaufgabe, zum Nachdenken. Nur für Hartgesottene ist auch der kurze Aufgalopp durch die deutsche Wirtschaftsordnung: Buchführung, Businessplan, Gesellschaftsrecht, Mietrecht, Arbeitsrecht, Gewerberecht, Insolvenzrecht, Förderprogramme, Sozialversicherungen, Unfallversicherung, Berufsgenossenschaft, Rechtsschutzversicherung, Haftpflichtversicherung. Mirko S. hält sein Gesicht hinter den flachen Händen verborgen. "Zuviele Probleme", stöhnt Samira Omar zwischendurch. Gegen Ende des Tages, nach drei vollgeschriebenen Flip-Chart-Seiten, malt Adler sechs große Lettern auf das Papier: ERFOLG. Das ist der Lohn für alle Plackerei. "Erfolg ist..." - kurzes Zögern - "einfach geil. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl." Die Gesichter bleiben verschlossen.

Dritter Tag. Artur Schramm ist wieder als erster da, setzt sich ruhig an seinen Platz. Seine Punktzahl liegt im oberen Mittelfeld. Die Zumutungen des Kurses haben ihn nicht ins Wanken gebracht. Anders Irina Anton. Sie sei schon ernüchtert, erzählt sie, und fürchte, viel Geld zu verlieren. Auch der Persönlichkeitstest erbrachte eine eher magere Punktzahl. Frau Müller sagt, mit ihren zwei Kindern sei jetzt ohnehin nicht an ein eigenes Unternehmen zu denken. Und Samira Omar flüstert verschämt, dass sie viele Fachwörter nicht verstanden habe. Sie wirkt unglücklich. Adler hat die Förderbibel mitgebracht, eine wuchtige Broschüre in Himmelblau, das Füllhorn der modernen Gründerzeit. Adler macht seine Eleven auf "Kautschuksätze" und "Formulierungsfallen" aufmerksam. Generell gilt: Förderbanken wollen Geld loswerden, Privatbanken wollen Geld verdienen. Mirko S. mag gar nicht glauben, dass ihm jemand einfach so 100 000 Mark geben würde. Jetzt noch ein wenig Kommunikationstheorie - muss man auch beherrschen, als Unternehmer, ist sogar überlebenswichtig, findet Adler. Alles schriftlich fixieren, Verträge machen, "harte Pflöcke einschlagen", fordert Adler.

Das Seminar schweigt. Adler versucht noch, einen Sparringspartner für ein simuliertes Bankgespräch zu finden, doch die angehenden Gründer lehnen höflich ab. Kommunikation fehlgeschlagen. Die Gründer sind jetzt müde, möchten nach Hause. Pyrotechniker Wolfgang Hingst sagt dann doch noch etwas: Den Workshop fand er gut, auch die "soft skills" wie Motivation und Kommunikation nehme er ernst. Hingst hat den Persönlichkeitstest nicht ausgefüllt. Darüber habe er sich hinweggesetzt, mit einer "gewissen Arroganz". Ein erster Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Unternehmerpersönlichkeit. Oder in die Schuldenfalle.

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