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Exklusiver Buchauszug : Auch die Wowereits waren Migranten
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Klar ist: Integration ist nicht mal eben nebenbei mit ein paar flotten Thesen zu erledigen. Integration lässt sich auch nicht als Projekt für einen bestimmten Zeitraum an einen Dienstleister delegieren, der eines Tages meldet: Aufgabe erledigt. Integration kann sich nur bedingt gesetzlich verordnen lassen. Integration ist vielmehr eine Haltung, die basiert auf einem humanistischen, demokratischen, vor allem aber sozialdemokratischen Menschenbild. Integration vereint Grundgesetz und SPD-Programm: Keiner darf zurückbleiben. Zugleich haben sich alle Beteiligten Mühe zu geben. Integration bedeutet Arbeit, auf vielen Ebenen, aber auch Gewinn: Der lateinische Ursprung des Wortes Integration steht für „ergänzen, erneuern, vollständig sein, geistig auffrischen“, kurz: für Zukunft.

Integration ist die soziale Gestaltungsfrage im 21. Jahrhundert. Es geht nicht nur um Arbeitsplätze, sondern um alle Bereiche des Lebens: von der Kita bis zur Altenpflege, von Pisa bis Gentrifizierung, von der Emanzipation bis zur Gesundheitsvorsorge. Grundwerte, Tradition und Verantwortungsgefühl machen es der Sozialdemokratie zur Pflicht, diese Zukunftsaufgabe offensiv anzugehen. Integration ist eine kulturelle Errungenschaft, die den zivilisierten Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, der Gegenentwurf zum kalten Darwinismus, wo die Stärksten, Brutalsten, Lautesten und Listigsten gewinnen.

Ich wünsche mir, dass jeder, der wirklich will, seine Chance zum Aufstieg bekommt – jeder nach seinen Wünschen, Träumen und Begabungen. Ich bin auch deswegen Politiker geworden, weil ich Menschen beim Mitmachen unterstützen will. Ein- und Aufstieg ist der Schlüssel zu erfolgreicher Integration von Menschen, ganz gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Integration ist weder vom Staat gewährte Gnade noch reine Service-Veranstaltung, sondern eine alltägliche Fertigkeit, die das Zusammenleben in modernen Gesellschaften erst ermöglicht. Die Berliner Realität spiegelt dieses moderne Miteinander wider: Berlin hat über 3,4 Millionen Einwohner. Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat sich seit der Wende ausgetauscht – Menschen kamen, Menschen gingen.

Über 870 000 Berlinerinnen und Berliner haben einen Migrationshintergrund – das entspricht mehr als einem Viertel. Fast die Hälfte davon hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten Kinder besitzen inzwischen einen deutschen Pass, viele aber haben ausländische Wurzeln. Fakt ist: Eine Trennung zwischen „echten“ Deutschen oder „waschechten“ Berlinern und „den anderen“ ist überhaupt nicht mehr möglich. Der Blick an das Klingelschild eines beliebigen Berliner Miethauses zeigt: Hier wohnen viele verschiedene Menschen. Ihre Namen haben kaum noch Aussagekraft. Entscheidend ist vielmehr: Wer erhält die Chance zum Mitmachen in unserer Gesellschaft?

— Klaus Wowereit: Mut zur Integration – für ein neues Miteinander. Vorwärts-Buch, 166 Seiten, ISBN 978-3-86602-945-3, Preis: 10 Euro. Infos: www.vorwaerts-buch.de

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