Exklusiver Buchauszug : Auch die Wowereits waren Migranten
13.10.2011 09:21 Uhr- Klaus Wowereit hat jetzt auch ein Buch zur Integration geschrieben. Der Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" wird nun auf der Buchmesse vorgestellt.... - Foto: Eventpress, Montage: Kai-Uwe Heinrich
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Die Wowereits haben einen Migrationshintergrund. Meine Mutter ist in Ostpreußen aufgewachsen, wo meine Oma fast wie eine Leibeigene auf einem Gut gearbeitet hat. Sie kam als Wirtschaftsflüchtling nach Berlin, wo sie sich ein besseres Leben erhoffte. Unser Familienname „Wowereit“ stammt aus dem Litauischen und lässt vermuten, dass auch unsere Vorfahren schon mobil waren. Als Sohn einer alleinerziehenden Kriegerwitwe passte ich eigentlich nicht ins bürgerlich geordnete Lichtenrade. Dennoch bin ich ein Integrationserfolg. Meine Schule, unsere Nachbarn, diese Stadt, Deutschland haben mir zahlreiche Chancen gegeben. Ich habe Möglichkeiten zum Einstieg und zum Aufstieg bekommen.
Und ich habe einige davon genutzt.
Als Kind habe ich allerdings auch erfahren, wie es ist, wenn man ausgegrenzt wird. Die Frage der Lehrer nach meinen Familienverhältnissen bedeutete jedes Mal eine Qual. Ich schämte mich meiner Herkunft nicht, dennoch litt ich darunter. Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Ich weiß: Integration ist anstrengend, sie geschieht nicht von allein. Integration erfordert guten Willen von allen Beteiligten. Und sie braucht Ausdauer.
Meine Mutter war mein Vorbild: Sie hat unentwegt gekämpft, als kleine städtische Angestellte, als Mutter von zwei Töchtern und drei Söhnen, einer davon im Rollstuhl. Sie hat jeden Morgen aufs Neue losgelegt, wenn sie noch vor der Arbeit Blumen und Gemüse geerntet hat, um ein paar Mark zusätzlich zu verdienen. Wenn man als Schüler zum Kohlenhändler geht und das Heizöl nicht gleich bezahlen kann und dann jeden Monat wieder hingeht, um jeweils hundert Mark abzustottern, und die Verkäuferin jedes Mal fragt, ob wir uns das denn auch leisten können – dann sind das Erfahrungen, die ein Kind treffen. Aber von meiner Mutter habe ich gelernt, dass man sich nicht hängen lassen darf. Den Willen, es aus kleinen Verhältnissen auf die Oberschule, von dort zur Universität zu schaffen, habe ich von meiner Mutter geerbt. Die Chancen hat mir eine sozialdemokratische Politik gegeben, die an Integration durch Bildung geglaubt hat.
Das Geheimnis lag darin, dass wir beide wollten: Das Land wollte mich und ich wollte nach oben. Damit ist eines der Geheimnisse um erfolgreiche Integration bereits gelüftet: Armut, Diskriminierung, Einsamkeit, Heimweh, Traumatisierungen sind halbwegs zu ertragen, wenn die realistische Aussicht auf eine bessere Zukunft besteht, wenn ehrliche Anstrengung und ehrliche Anerkennung zusammenkommen.
Daher ist es höchste Zeit für eine Integrationspolitik mit einer ehrlichen politischen Prioritätensetzung auf Bildung, Qualifizierung und Arbeit. Natürlich ist es möglich, mehr Menschen eine Perspektive zu geben und den Grundstein für sozialen Aufstieg zu legen – egal welcher Herkunft. Wir brauchen Motivation statt Sanktion, Anreize, Angebote und Aktivierung statt Alimentierung. Der Konsens lautet: Jeder, der sich anstrengt, darf mitmachen.
Lesen Sie auf Seite 2: Integration ist weder Gnade noch Service-Veranstaltung


































