Exklusives Berlin : Immer mehr scheitern an der Club-Tür
28.11.2011 16:13 Uhr2010 besuchte ich den Tag der offenen Tür eines rasant begehrten Kindergartens, bei dem, so hieß es gleich, weitere Anmeldungen aussichtslos seien. Alle Eltern waren hier Konkurrenten. Es gab zwei Gruppen an diesem vollen Nachmittag: die mit einem roten Aufkleber auf der Brust und die ohne. Dann tauchten Leute mit den Spendensammelbüchsen auf. Wer spendete, bekam einen Aufkleber. Es ließ sich nicht sagen, wer zufriedener schien, die Empfänger des Geldes oder die des Zeichens. Schon für einen billigen Euro konnte man von einem Bittsteller zu einem Wohltäter der Kita werden. Ich fand das infam. Konnte man sich hier etwa einkaufen? Und wenn nicht, warum markierten sie die Spender? Spenden hätte sich jetzt wie Schleimen angefühlt.
Die große Qualität von Berlin war es über lange Zeit, den Wert von etwas zu erkennen, auch ohne dass es durch eine Mehrheit bestätigt war: der Wert von zugigen, aber günstigen Wohnungen etwa, für die man bedauert wurde, aber die man trotzdem lieben konnte. Da war der Wert schimmeliger Keller, in denen spätnachts der Sauerstoff knapp wurde, denn es gab unerhörte Musik. Einige erkannten früh den Nährwert von Müsli. Andere den von fetten Bässen. Übergestülpte Begriffe hat die Stadt einfach ignoriert.
Nicht, weil die Berliner schneller wären als andere, neue „Trends“ auszumachen. Sondern weil sie sich trauen, Dinge jenseits gängiger Hierarchien einfach selbst gut zu finden. Das ist keine Frage von Schnelligkeit, sondern von autarkem Denken.
Hierarchien ordnen übereinander, Berlin hat immer nebeneinander sortiert, Platz gab es genug: erst für die Wehrdienstverweigerer der Siebziger und Achtziger, die Hausbesetzer und Hausbesitzer, dann für die Müslis, die Bonner, die Schwaben. Die Generationen X, Golf und Praktikum passten auch locker noch rein. So wie die Techno-Pioniere, die urbanen Penner und die Digital Natives, die innerstädtischen Golfspieler und das literarische Fräuleinwunder. Alles hier, alles Berlin. Es war gar nicht nötig, dass einem jemand erklärte, wo oben und unten war.
Für alle, die nach Berlin zogen, ging es im Kern immer um Selbstermächtigung, das ist noch immer der Zauber der Stadt. Und ihre Brachen, Spiegel des gedanklichen Freiraums, sind so lange ein Potenzial, bis sie bebaut werden. Hape Kerkeling fuhr 1991 als Königin Beatrix am Schloss Bellevue vor. Rafael Horzon ironisierte mit seiner Club-Galerie in Mitte die Mechanismen des Kunstmarktes. War es in Berlin nicht längst Kultur, mit der Bedeutungslosigkeit von Klassenstrukturen zu spielen?
Teuer kann jeder. Das prickelt nicht, das kostet nur. Die Einzigen, die sich anmaßten, sagen zu dürfen, wer reindurfte und wer nicht in Berlin, standen jahrzehntelang an der Stadtgrenze, die ja zugleich eine Grenze der zwei Blöcke war, in denen sich die Welt gegenüberstand. Es schien schikanös, aber irgendwie auch logisch, dass es im Wechsel von der einen auf die andere Seite Kontrollen geben musste. Die DDR-Grenzer waren bekannt für Willkür, penible Sorgfalt und Verdächtigungen. Sie durchleuchteten Reisende, verlangten Dokumente, wiesen ab. Aber wer in Berlin, diesem exotischsten Club überhaupt, endlich „drin“ war, war drin. Auf innerstädtische Kontrolleure konnte verzichtet werden.


















