Exklusives Berlin : Immer mehr scheitern an der Club-Tür

Sei in, sei drin, sei dabei – so stellt sich Berlin gerne dar. Tatsächlich aber werden neue Grenzen gezogen: ob in Clubs wie dem Berghain oder in der Arztpraxis.

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"Dieser Club ist wohl zu berühmt für uns": Die vier Touristen Banban (23, Philippinen), Elmear (24, Irland), Craig (27, Australien) und Ramesh (25, Indien, von links nach rechts) sind an der härtesten Tür Berlins im Berghain gescheitert.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
23.02.2015 08:46"Dieser Club ist wohl zu berühmt für uns": Die vier Touristen Banban (23, Philippinen), Elmear (24, Irland), Craig (27,...

Berliner wollen neuerdings alle dasselbe. Wo sonst kommen die Schlangen her? Sie bilden sich nicht mehr nur vor den Clubs, sondern auch bei Wohnungsbesichtigungen und vor den Arztpraxen mit Aufnahmestopp. Da sind die Museumsschlangen und Kindergartenwartelisten. In Berlin kitzelt plötzlich dieselbe Frage wie in Frankfurt, London oder New York: Drin oder nicht?

Dann steht jeder Einzelne einsam vor seinem Richter, der eben noch sein Anlageberater, Türsteher, Kitaleiter, Praxisgehilfe war. Weiß man, was in deren Buch geschrieben steht? Die Prüfung der Person ist persönlich wie bei der Bank, geheim wie im Soho-House und selbstverständlich ungerecht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Abgelehnt wird man, weil man ist, wer man ist. Oder weil man nach jemandem aussieht: nach einem Mietnomaden, einer Spaßbremse oder einem Kassenpatienten. Prompt zeigt sich, auf wie viele unterschiedliche Arten man nackt sein kann: Es ist möglich, in einer Straße zu wohnen, deren Postleitzahl auf schlechte Zahlungsmoral der Nachbarn schließen lässt. Dann zahlt man höhere Kreditzinsen. Auf Listen für einen Kindergartenplatz kann sich das Warteritual jahrelang hinziehen. Nicht Sie wählen uns aus, wir wählen Sie aus! Das ist in Berlin, der Stadt, in der jeder lange alles sein durfte, wenn er es nur lange genug behauptete, eine neue Geste.

Wie konnte es dazu kommen? Seit wann bestimmen die anderen, wer man ist? Kann man jetzt etwa ernsthaft VIP sein? Wann sind diese albernen Absperrkordeln aufgetaucht? Entscheiden jetzt Gremien über gesellschaftliche Teilhabe?

Wer in den Neunzigern das Flüstern in der Stadt hören konnte, der war „drin“. In der Montags-, Dienstags-, Mittwochsbar, bei den Partys in der Raumerweiterungshalle hinter dem Nordbahnhof, im frühen Cookies und in diversen namenlosen Kellern, im Kunst und Technik, in Rafael Horzons Galerie, im ersten Stock des Hauses Schwarzenberg, wo häufig jemand in einem riesigen Topf Suppe rührte. Oder bei den vielen, plötzlich bespielten Partyorten, die es gab, weil wieder jemand „Partymacher“ als seine wahre Berufung erkannt hatte.

Bedrohte Clubs in Berlin
Noch so ein bedrohter Strandclub: Das Yaam muss Ende des Jahres schließen. Der Umzug auf das versprochene Ersatzgrundstück an der Schillingbrücke ist nicht sicher. Das Areal wurde nun i n den Gesprächen für ein Ersatzgrundstück für das Bauprojekt an der East Side Gallery ins Spiel gebracht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dpa
25.03.2013 17:47Noch so ein bedrohter Strandclub: Das Yaam muss Ende des Jahres schließen. Der Umzug auf das versprochene Ersatzgrundstück an der...

Aber auch mit Gewerbeschein und über Tage misslangen die Versuche von Exklusivität auf unterhaltsame, nur in Berlin mögliche Weise: Der stärkste Eindruck vom Presseball im ICC im Januar 2000 war nicht etwa, wie die Damen des Berliner Buletten-Adels in Abendrobe mit ihren Kleidern in den Rolltreppen hängen blieben, sondern wie sie, nachdem sie sich auf die Tombola gestürzt hatten, in Abendrobe und mit sperrigen Küchengeräten bewaffnet, die sie gerade gewonnen hatten, von den Drehtüren des ICC in die Nacht geschleudert wurden.

Bei den ersten Gehversuchen auf den hochflorigen Teppichen der neu eröffneten Luxushotels war lange nicht klar, ob man mit der neuen „Gesellschaft“ oder über sie lachte. Die Berliner, schien es, waren für Exklusivität nicht gemacht. Eine Hauptfigur war die lüsterne Shawne Borer-Fielding, die Frau des damaligen Botschafters der Schweiz, die sich vor dessen Dienstsitz auf einem Pferd ablichten ließ. Ihr Mann hatte dann selbst eine Affäre mit einer Parfumverkäuferin aus dem KaDeWe ... In dieser Zeit zwischen Mut und Übermut versuchte Isa Gräfin von Hardenberg etwas Zug in die Bande zu bringen.

Aus dieser Zeit stammt auch der Ruf nach einer „Gesellschaft“ in der Stadt. Die Stadt sei so grob, hieß es immer, ihr fehlten die feinen Unterschiede. Die Gesellschaft, die dann kam, lebte ihre Abgrenzungsbedürfnisse nicht mehr nur im Nachtleben aus. Und sie zeichnet sich natürlich dadurch aus, dass die anderen eben nicht dabei sind.

Seite 2: Wie eine Werbekampagne zur Erotisierung des Einlassrituals führte.

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