Berlin : Exmatrikulation mit der Abrissbirne

Cay Dobberke

"Sieht ja ganz gut aus, die Entwicklung", sagt der Postbote im Studentendorf Schlachtensee und begrüßt zwei seiner letzten Kunden. Auch er hat gehört, dass Studenten zusammen mit einer Immobilienfirma die Siedlung kaufen wollen, um den seit drei Jahren drohenden Abriss abzuwenden. Zu tun hat der Briefträger an der Potsdamer Chaussee / Ecke Wasgenstraße allerdings nur noch wenig. Denn ein 1999 verhängter Vermietungsstopp und Kündigungen durch das Studentenwerk zeigen Folgen: Von den einst 1000 Bewohnern sind gerade noch 34 übrig. 21 der 27 Gebäude stehen leer.

Die meisten Häuser sind Flachbauten aus den 50er Jahren und wurden mit Geldern des US-Außenministeriums errichtet, weshalb sie unter Denkmalschutz stehen. Trotzdem hatte ein Gremium des Senats die Immobilienfirma ID & A als Käufer ausgewählt. Das Unternehmen plant rund 100 Eigentumswohnungen. Nur ein "Kernbereich" aus vier Bauten bliebe als Zugeständnis an den Denkmalschutz erhalten.

Für die Rettung des Studentendorfes Schlachtensee kämpfen zwei Dutzend Mitglieder einer Arbeitsgemeinschaft. Unterstützt werden die Studenten unter anderem vom Architekten und früheren Planungsdirektor der Internationalen Bauausstellung (IBA), Hardt-Waltherr Hämer. Anfang Dezember legte man zusammen mit der Immobilienfirma NDC und der Bayerischen Landesbank ein eigenes Kaufangebot vor. Lob gab es dafür auch von Kultursenatorin Adrienne Goehler (parteilos, für Grüne) und CDU-Bezirksbaustadtrat Ralf Körner.

Einer der denkmalgeschützten Flachbauten aus den 50er Jahren wird nicht mehr "Haus 7" genannt, sondern einfach "Günthers Haus" - nach dem letzten verbliebenen Bewohner. Die Hausverwaltung des Studentenwerkes hat ihre Büros geräumt und auch den Reinigungs- und Wachschutzfirmen gekündigt.

Deshalb putzen die Studenten außer ihren Wohnungen nun auch die Treppenhäuser. Die nächtlichen Streifengänge gegen Einbrüche gehen ebenfalls in Eigenregie weiter. Abends öffnet weiterhin die Kneipe "Club A 18", in der es manchmal Konzerte gibt. Viele der 20 Mitarbeiter sind frühere Bewohner des Studentendorfs. Die Gäste kommen aus ganz Zehlendorf, wo es für junge Leute nur wenige Treffpunkte gibt. Aber in weiten Teilen verfällt die Siedlung. "Unsere Forderung an den Senat ist es, wieder einen vermietbaren Zustand herzustellen", sagt Jens-Uwe Köhler von der "Arbeitsgemeinschaft Studentendorf Schlachtensee".

Das Studentenwerk verbarrikadierte nicht nur die Fenster einiger leer stehender Häuser, sondern pumpte auch Wasser aus den Heizungen ab und setzte die Wasserzähler außer Betrieb. Dabei ist allgemein bekannt, dass unbeheizten Gebäuden im Winter starke Schäden drohen. Offensichtlich geht das Studentenwerk ohnehin vom baldigen Abriss der Gebäude aus.

Den Kampf dagegen führen Studenten von einem Büroraum unter ihrer Kneipe, in dem sich Papierberge stapeln und Schaubilder auf Tafeln gezeichnet sind. "Mein Studium liegt auf Eis", sagt der 32-jährige Köhler, der in Germanistik und Publizistik eingeschrieben ist. "Ohne den ganzen Mist ums Studentendorf wäre ich längst fertig." Jede Woche treffen sich zwei Gruppen, die Arbeitsgemeinschaft und ein Freundeskreis. Zudem gibt es einen "Jour fixe" mit Architekt Hämer.

Zu den AG-Mitgliedern gehört die 26-jährige Kristina Seiffert, die fünf Jahre lang im Studentendorf wohnte und gerne dort geblieben wäre. "Aber meine WG hat sich aufgelöst." Jetzt wohnt die Jura-Studentin in Neukölln. Den Leerstand und Verfall an der Wasgenstraße findet sie "entsetzlich".

Verkauf der Siedlung steht auf der Kippe

Der Senat will das Studentendorf Schlachtensee seit Ende Mai an die Immobilienfirma ID & A verkaufen - doch jetzt stellt der landeseigene Liegenschaftsfonds das Geschäft in Frage. "Ich kann kein eindeutiges Pro für ID & A abgeben", sagte Geschäftsführer Holger Lippmann auf Anfrage. Dies ergebe sich aus der vorläufigen Prüfung von Unterlagen, die der Liegenschaftsfonds bis zum 20. Dezember angefordert hatte. Nach anderen Angaben waren zuvor schon drei Fristen verstrichen oder verlängert worden.

ID & A hatte von einem Auswahlgremium des Senates den Zuschlag erhalten. Dem Vernehmen nach bot die Firma rund 26 Millionen Mark für das 5,3 Hektar große Areal. Die Kosten für den Abriss und die geplanten Eigentumswohnungen schätzte sie auf 100 bis 150 Millionen Mark. Um das Geld aufbringen zu können, wurde ein Co-Investor gesucht. Nun teilte ID & A dem Liegenschaftsfonds mit, einen Partner gefunden zu haben. Zu den Mängeln des Konzeptes sagte Lippmann nichts, weil das Verfahren noch andauere. Anfang Januar wolle er mit Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) beraten. Denkbar sei eine neue Ausschreibung oder ein Verkauf an den bisherigen Zweitplazierten, die Bayerische Hausbau. Zum Kaufangebot der Studenten gab Lippmann kein Urteil ab: "Es liegt mir noch nicht vor."

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