Exotische Tiere in Berlin : Killerbraut als Klimaflüchtling

Manfred Berg liebt Spinnen und Insekten. In Berlin entdeckte er Gottesanbeterinnen – eine Sensation.

Sandra Dassler
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Neuberliner. In der Nähe der Schöneberger Lindenhofsiedlung entdeckte Manfred Berg Gottesanbeterinnen. -Foto: Manfred Keller

Die große Liebe begann an einem Spätsommermorgen. Sie trafen sich zum ersten Mal vor der Tür eines Hauses in der Schöneberger Lindenhofsiedlung. Minutenlang starrten sie sich an. Dann fing der sechsjährige Knirps ein paar Fliegen und warf sie Araneus diadematus, der Gartenkreuzspinne, ins Netz.

„Ich war wie verzaubert“, erinnert sich der heute 53-jährige Manfred Berg: „Die Spinne hat die Fliegen eingesponnen, ich schaute zu und wollte einfach mehr wissen über die Welt der Krabbeltiere.“ Dass aus der ersten Liebe eine lebenslange Passion wurde, habe er vor allem seiner Tante zu verdanken, erzählt Berg. Die war Doktorin der Biologie und nahm ihn frühzeitig mit zu ihren Streifzügen durch den Botanischen Garten. Sie besorgte ihm auch Bücher über Spinnen und Insekten.

Über Spinnen und Insekten kann Manfred Berg stundenlang erzählen – und über seine große Entdeckung, die er 1998 auf der Bahnbrache in der Nähe der Lindenhofsiedlung machte: eine Gottesanbeterin, die Mantis religiosa. Noch nie war eine Gottesanbeterin so weit im Norden Deutschlands gesichtet worden. Eigentlich wollte Berg nach Spinnen suchen, ins Auge fielen ihm aber Insekten. Der Unterschied besteht unter anderem in der Anzahl der Beine: Spinnen haben acht, Insekten sechs. Die etwa fünfzig Millimeter großen Larven, die Berg faszinierten, waren Insekten. Aber ganz besondere: Die Mantis religiosa ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Vertreterin der Fangschrecken. Bislang war ihr Vorkommen auf den Südwesten Deutschlands begrenzt. Der Klimawandel, sagt Berg, lässt die Tiere nach Norden wandern.

Gut für ihn, denn schon als Kind war Manfred Berg fasziniert von allem, was krabbelte. Obwohl seine Mutter eine Spinnenphobie hatte, erlaubte sie ihm, die Tiere in seinem Zimmer zu halten. Der Junge klebte Zweige in eine Ecke, damit die Spinne sich im Gebüsch wähnte. „Das klappte“, sagt Berg. „Aber nie sah ich, wie das Radnetz der Kreuzspinne entstand. Sie baut es täglich in der Morgendämmerung neu. Wenn ich munter wurde, war es immer schon da.“ Eines Nachts hielt sich der Junge wach. Gegen vier bemerkte seine Mutter einen Lichtschein in seinem Zimmer. Ihr Sohn stand im Schlafanzug vor seiner Spinne und war selig, dass er endlich sah, wie das Netz entstand.

In der Lindenhofsiedlung gab es damals noch unverfugte Natursteinmauern, ein Paradies für Spinnen. Wenn Manfred Berg ihnen fasziniert zuschaute, leisteten ihm oft andere Kinder Gesellschaft. Sie vergaßen ihren Ekel, weil er so viel Interessantes erzählen konnte. Dass sie ihn für ein wenig verrückt hielten, hat er erst kürzlich wieder erfahren, als er zufällig die Mutter eines früheren Schulkameraden traf: „Sind Sie nicht der Spinner?“, fragte sie ihn ernsthaft. Er hat es nicht übel genommen, sondern gelacht und genickt.

Doch bei den Gottesanbeterinnen merken viele der Spötter auf. Das Insekt hat Menschen schon immer fasziniert. Weil es seine Vorderbeine oft anwinkelt, sieht es aus, als würde es beten. Dass manche Gottesanbeterinnen vor, während oder nach der Paarung die Männchen auffressen, hat ebenfalls zu Legenden geführt. Den alten Ägyptern galten sie als heilig, andere Völker verbanden mit ihnen den Tod. „Die Tiere haben etwas Menschliches an sich“, sagt Berg: „Sie können sich aufrichten, den Kopf zum Betrachter drehen und ihn mit beiden Augen fixieren.“

Dass Berg Gärtner wurde, sich zum Gartenbautechniker qualifizierte und nun bei der Biologischen Bundesanstalt in Dahlem arbeitet, hat mit seiner Liebe zur Natur zu tun. Dass er eine Frau traf, die Spinnen und fleischfressende Pflanzen in der Wohnung tolerierte, war Glück. „Als unsere beiden Söhne klein waren, hatten wir sogar eine Vogelspinne“, sagt Berg, und erklärt, dass eine Vogelspinne nicht giftiger ist als eine Wespe. Die Schwarze Witwe hingegen kann Menschen durch Giftbiss töten. Ja, Biss, nicht Stich. Spinnen stechen nicht, auch nicht die Taranteln . . .

Vorgestern war der Berliner Hobbyforscher in der sächsischen Lausitz, wo er ebenfalls Gottesanbeterinnen entdeckt hat – ein wichtiger Beleg für seine Vermutung, dass die Ausbreitung der Tiere mit der Klimaerwärmung zusammenhängt. Ungeklärt ist noch die Art und Weise, wie die Ausbreitung genau erfolgt. Die Gottesanbeterin lebt nur ein Jahr, legt ihre Eier im Spätsommer in Gelegen, sogenannten Ootheken, ab. Die hat man schon an aus dem Ausland gelieferten Pflanzen, an den Rädern eines kroatischen Kampfflugzeugs oder auf dem Panzer einer Griechischen Landschildkröte entdeckt.

„Das Leben findet immer einen Weg“, sagt Manfred Berg, der jetzt ein Buch über die Mantis religiosa geschrieben hat. Es erscheint demnächst in „Die Neue Brehm-Bücherei“ beim Westarp-Verlag. „So schließt sich der Kreis“, sagt Berg: „Aus dieser Reihe stammten auch die Bücher, die ich damals als kleiner Junge gelesen habe.“Sandra Dassler

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