Berlin : Experimentierfeld Berlin BERLIN, DIE GEDULDETE HAUPTSTADT?

Die Hauptstadt muss sich als Stadt der europäischen Moderne profilieren – dann findet sie die Anerkennung, die ihr gebührt / Von Edzard Reuter

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Das Grundgesetz schreibt Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland fest. Sie ist Sitz beider Häuser des Parlaments und der Bundesregierung. Alle wichtigen Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände haben sich hier niedergelassen. Ströme von Touristen, nicht nur aus den deutschen Bundesländern, sondern aus der gesamten Welt, besuchen laufend die Stadt. Das Reichstagsgebäude ist seit der Verhüllung durch Christo und Jeanne Claude und mit der Kuppel von Norman Foster zur Attraktion für Millionen von Besuchern geworden. Kaum eine andere Stadt wird weltweit von so vielen jungen Menschen als Ziel ihrer Träume genannt.

Zugleich ist der Name Berlin in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung zum Synonym für öffentliche Geldverschwendung, für lähmenden Filz geworden, für nicht wenige in den westlichen Bundesländern gar zum Nachweis dafür, wie (angeblich) hoffnungslos es ist, auf ein Aufholen im wieder vereinigten Osten unseres Landes zu setzen. Größte Zurückhaltung, wenn nicht gar brüske Ablehnung, kennzeichnet die Einstellung vieler Menschen, wenn sie nach der Rolle und der Bedeutung der Stadt für die eigene Nation gefragt werden.

Was also ist los? Ist Berlin zwar die formelle, in Wahrheit aber nur die geduldete Hauptstadt der Deutschen?

Die Frage bleibt erlaubt, ob dies, wenn es denn so sein sollte, gar so schlimm wäre? Angesichts des galoppierend fortschreitenden Prozesses der Globalisierung, ob zum Guten oder zum Schlechten, kann sich heute niemand mehr in sein Schneckenhaus zurückziehen. Nostalgische Trauer bringt keiner Nation etwas, Versuche zur Wiederbelebung vergangenen Glanzes sind zum Scheitern verurteilt. Dazu zählt womöglich auch die klassische Unterscheidung zwischen „der Hauptstadt“ und „der Provinz“ eines Landes. Vorübergehend kann heute jeder beliebige Ort Hauptstadt sein, so lange dort etwas Spektakuläres geschieht (oder als „Event“ in die Welt gesetzt wird).

Dagegen steht, dass die weitere Entwicklung Europas seit langem nicht mehr so labil war wie seit den Auseinandersetzungen um den Irak. Gewiss mahnen die vielfältigen Erfahrungen der Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihren unzähligen Enttäuschungen und Rückschlägen zur Nüchternheit. Dennoch scheint die Annahme nicht allzu gewagt, dass herkulische Anstrengungen und zielstrebiges Ringen vor den beteiligten Nationen liegen, wenn der Traum von einem vereinten Europa nicht endgültig auf der Strecke bleiben soll. Trotz allem ebenso offenkundigen wie kurzsichtigen Selbstvertrauen mancher Länderregierungen ist der einseitige Verlass auf die föderale Struktur der Bundesrepublik zum Versagen vor diesen Aufgaben verurteilt. Ohne eine durch breite öffentliche Anerkennung getragene Hauptstadt wird Deutschland sein Gewicht nicht in die so prekäre weitere Entwicklung einbringen können.

An der Bedeutung der Kultur und der sie tragenden Institutionen wird dies besonders deutlich, vermag sie doch besser als manches andere Beispiel vor Augen zu führen, dass es um ein – im durchaus unverdächtigen Sinne des Wortes – patriotisches Anliegen geht.Die Rolle als Hauptstadt setzt nach aller europäischer Tradition voraus, dass diese im ganzen Land anerkannt wird, dass die Menschen stolz auf das in der Hauptstadt „Besondere“ in dem Sinne sein können, es zugleich als „Eigenes“ (oder zumindest ehrfürchtige Bewunderung dafür) zu empfinden. Geschichtlich war das für alle europäischen Hauptstädte seit jeher und für Berlin über lange Wegstrecken hinweg seit 1871 der Fall: bis 1914 als „strahlende“ Zentrale des Kaiserreiches mit Opern, Theatern, Museen und glanzvollprunkvoller Repräsentanz, während der legendären 20er Jahre als ebenso schillerndes wie sehnsuchtsvoll bewundertes Symbol der „Moderne“.

Keine wie gut auch immer gelungene strukturelle „Reform“ des Berliner Kulturlebens, insbesondere seiner Institutionen (Oper/Theater/Museen) wird jedoch irgend etwas daran ändern, dass nicht nur zufällig, sondern vielleicht sogar regelmäßig in München erfolgreicher eine Oper inszeniert, in Hamburg ein besseres Ballett getanzt oder in Düsseldorf eine attraktivere Ausstellung gezeigt werden kann. In diesem Sinne sind selbst Paris, London, Rom oder Madrid inzwischen nicht mehr unumstritten „Hauptstadt“ ihrer Länder (obwohl sie es vielleicht noch nicht registriert haben). Umgekehrt wächst die Bedeutung der „Nachbarschaft“, des „Eigenen“, dessen, was früher abschätzig als „Provinz“ abgetan zu werden pflegte. Die Beispiele der Stuttgarter Oper und des Balletts belegen dies anschaulich genug.

Wenn Berlin also eine realistische Chance bekommen soll, im Inland wie im Ausland als Hauptstadt Deutschlands nicht nur misstrauisch beäugt und hämisch beneidet zu werden, sondern auch innerlich anerkannt zu werden, wenn es – um mit Volker Hassemer zu sprechen – im Interesse sowohl unserer Nation als auch Europas „in Gebrauch genommen werden“ soll, muss die Stadt etwas bieten, was andere deutsche Städte nicht gleichermaßen (oder sogar besser) vermögen. Das kann nur der entschlossene Versuch sein, zum Experimentierfeld für Neues zu werden, zu einer „Stadt der europäischen Moderne“.

Ein solches Konzept bedeutet in keiner Weise, alles das gering zu schätzen, was die Kultur bis heute in und für Berlin geschaffen hat. Im Gegenteil! Bausteine für jegliche Art von mutigem Experiment gibt es zur Genüge, angefangen von der weltweit einzigartigen Museumslandschaft über die Orchester, die eben keinesfalls „verkalkte“, sondern durchaus experimentierfreudige Theatertradition oder die Attraktivität für die junge internationale Kunstszene. Aus eigener Kraft wird Berlin die Aufgabe, sein Gesicht entschlossen der Zukunft zuzuwenden, unmöglich schultern können. Mehr noch als nur am Geld fehlt es am „Personal“, nicht zuletzt bedingt durch das in allen Teilen der Stadt immer noch weit verbreitete Fortleben ebenso tradierter wie erstarrter Gesellschaftsstrukturen. Die unverzichtbare Öffnung für Ungewohntes wird daraus auch nach Jahrzehnten weiterer Geduld nicht sozusagen aus sich heraus wachsen. Solcherlei Skepsis schließt die von manchen als Allheilmittel angepriesene „Privatisierung“, also die „Entstaatlichung“ aller Kultur, ein. Sie wird zwangsläufig schon deswegen vor der Aufgabe versagen, weil die in Frage kommenden privaten Geldgeber für alles mögliche eher berufen sind als gerade dafür, qualifiziert, mutig und entschlossen Neuerung in Gang zu setzen und zu befördern.

Die Fusion mit Brandenburg bleibt nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt vorrangig, dass Berlin damit aus der Sicht der übrigen Bundesländer seinen bisherigen Status verlieren und zu einer insoweit ganz „normalen“ Kommune werden könnte, mit der Folge, dass föderal begründeter Neid oder Ehrgeiz nicht mehr dem Anliegen entgegen stehen müssten, eine in diesem Sinne „gemeinsame“ Hauptstadt zu schaffen. Für sich allein gewährleistet die Erfüllung einer solchen Voraussetzung noch nicht das Erreichen des Zieles. Dafür wird weit mehr erforderlich sein: nämlich eine wahrhaft nationale, also durch die Nation politisch „gewollte“ Anstrengung. Sie in die Wege zu leiten kann nur in der Endverantwortung des Bundes liegen, muss aber eben von den Ländern und den dort lebenden Menschen mit getragen werden.

Ein derartiges Vorhaben setzt zumindest zweierlei voraus: Geld und Geduld. Es geht nicht vorrangig um Organisation und Tätigkeit staatlicher Instanzen, sondern um ein fundamental politisches Projekt, das auf die behutsame Ingangsetzung eigenständig verlaufender Entwicklungsprozesse zielt. Die im Entstehen befindliche Kulturstiftung des Bundes und der Länder mag dazu, wenn auch eher am Rande, beitragen. Überzeugend geleistet werden kann die Aufgabe nur durch eine ebenso umfassend wie ausschließlich darauf ausgerichtete Institution, durch eine Bund-Länder-Stiftung, die sich selbst als geistige, als intellektuelle, als kulturpolitische Anregerin und Betreuerin versteht – und entsprechend qualifiziert geführt werden muss!

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