Berlin : Experten beklagen Pflegenotstand in Berliner Heimen

Behörden und Kassen finden regelmäßig Mängel / Betreiberverband: Geld ist jetzt schon knapp

Ingo Bach,Hannes Heine

Wie viel Personal ist nötig, um schwerkranke Menschen in Heimen angemessen zu pflegen? Vor dem Hintergrund der Vorwürfe gegen das Pflegeheim des Berliner Lazaruswerks, in dem Bewohner mit Arzneien ruhiggestellt worden sein sollen, um in eine höhere Pflegestufe und damit an mehr Geld zu gelangen, fordern nach der Kritik von Sozialsenatorin Knake-Werner nun die Grünen weitreichende Konsequenzen. Neben unangemeldeten Kontrollen durch die Heimaufsicht sei vor allem mehr Fachpersonal erforderlich, sagte die sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Jasenka Villbrandt, gestern.

Wohin der Mangel an Fachpersonal führen kann, zeigen die Ergebnisse der Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). In dem jetzt vom MDK Berlin-Brandenburg veröffentlichten Prüfbericht für das Jahr 2005 sind zahlreiche Defizite in Pflegeeinrichtungen aufgelistet. So stellten die Gutachter bei zwei Dritteln von 453 in Berlin untersuchten Heimbewohnern Fehler in der Prophylaxe beziehungsweise Therapie von Druckgeschwüren fest. In knapp der Hälfte aller Fälle waren die Nahrungs- und die Flüssigkeitsversorgung unsachgemäß. Bei 27 Prozent aller begutachteten Menschen sei der Pflegezustand unangemessen gewesen, heißt es in dem Bericht.

Die diakonische Beratungsstelle „Pflege in Not“ forderte mehr Unterstützung für die Heimmitarbeiter, die oft mit niedriger Bezahlung eine schwierige Arbeit zu bewältigen hätten. Gerade zur Behandlung schwerer Erkrankungen wie Demenz benötige man mehr Mitarbeiter. Einem Patienten der höchsten Pflegestufe 3 steht derzeit gesetzlich eine halbe Pflegekraft zu; in einem Heim mit zwanzig Plätzen der Stufe 3 müssten also zehn Pfleger beschäftigt werden.

Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigt ein Prüfbericht, den die Heimaufsicht im vergangenen Jahr über eine Berliner Einrichtung erstellte. Darin wird ein erschreckender Personalmangel offenbar: „Zum Zeitpunkt der Prüfung lebten im Wohnbereich 27 Bewohner/-innen, davon 1 Bewohner/-in mit der Pflegestufe 1, 17 Bewohner/-innen mit der Pflegestufe 2 und 8 Bewohner/-innen mit der Pflegestufe 3“, vermerkt der Bericht, der dem Tagesspiegel vorliegt. Bei der Auswertung des Dienstplanes für einen Monat stellten die Prüfer fest, dass an allen Tagen des Monats im Spätdienst lediglich zwei Pflegekräfte, davon nur eine Fachkraft, im Dienst waren. Zur Erinnerung: Über ein Viertel der in dem kontrollierten Heimbereich betreuten Menschen war schwerst pflegebedürftig. Nun ist das zwar ein Extremfall, der auch zu Sanktionen seitens der Heimaufsicht führte – trotzdem ist ein eklatanter Personalmangel in den Pflegeheimen kein Einzelfall, sagen Fachleute der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Angesichts der Pflegemängel sei in den meisten Berliner Heimen mehr qualifiziertes Personal erforderlich.

Doch dazu bräuchten die Pflegeheime mehr Geld, heißt es auch vom „Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste“, der allein in Berlin 130 Pflegeeinrichtungen vertritt. „Schon mit den derzeitigen Pflegesätzen ist es sehr schwierig, ausreichend Personal zu beschäftigen“, sagt Geschäftsführer Herbert Mauel. Er warnte deshalb vor einer Kürzung der Pflegekassenzuschüsse für die stationäre Betreuung. Für einen Pflegebedürftigen der Stufe 3 zahlen die Pflegekassen monatlich derzeit 1432 Euro. Verdi-Experte Michael Musall sagte, dass die Pflegesätze seit 1997 nicht mehr erhöht wurden: „Die Patienten müssen für schlechtere Pflege immer mehr selber dazuzahlen.“

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