• Experten fordern: Kinder sollen täglich länger in die Schule gehen Kommission macht radikale Vorschläge für länderübergreifende Bildungspolitik

Berlin : Experten fordern: Kinder sollen täglich länger in die Schule gehen Kommission macht radikale Vorschläge für länderübergreifende Bildungspolitik

Susanne Vieth-Entus

Berlin und Brandenburg können jetzt loslegen, wenn sie die Länderfusion zumindest auf dem Schulsektor vorantreiben wollen: Eine hochkarätige Bildungskommission unter der Leitung von Deutschlands Pisa-Papst Jürgen Baumert hat jetzt Empfehlungen vorgelegt, die ein Zusammengehen der beiden Länder erleichtern soll.

Der Bericht, der dem Tagesspiegel bereits vorliegt, enthält brisante Forderungen. So wird empfohlen, Gelder aus den wohlhabenden in die armen Bezirke umzuleiten, damit in den Brennpunktschulen kleinere Klassenfrequenzen finanziert werden können.

Um insbesondere das Sprachproblem der Migranten in den Griff zu bekommen, sollen sie wesentlich mehr Unterricht erhalten als bisher. Von Ferienkursen bis hin zu Sonnabend- und Nachmittagsunterricht soll es kein Tabu mehr geben, um den „sozialen Sprengstoff“ zu entschärfen. Außerdem soll es bereits bei Vorschülern Sprachtests geben, damit die Kinder gegebenenfalls schon vor der Einschulung Deutschkurse erhalten können. Sprachtests nach der vierten und vor der siebten Klasse sollen darüber hinaus Aufklärung geben, ob der Sprachunterricht überhaupt erfolgreich war.

Lehrer sollen während ihrer Ausbildung nicht mehr umhin kommen, sich auf die Probleme in multikulturellen Klassen vorzubereiten. Damit sie insbesondere in Brennpunktschulen nicht mit ihren schwierigen Aufgaben allein gelassen werden, sollen sie Unterstützung von Sozialarbeitern und Psychologen bekommen.

Und so lauten die Empfehlungen der Bildungskommission:

Die sechsjährige Grundschule ist grundsätzlich richtig, unter der Bedingung, dass es für leistungsstarke Schüler die Möglichkeit gibt, die Klassen schneller zu durchlaufen. Wichtig ist die flexible Eingangsphase mit der Möglichkeit, die ersten beiden Klassen schon in einem Jahr zu absolvieren.

Damit Schulen Werte vermitteln können, ist ein spezielles Fach nicht notwendig. Aufgrund der unterschiedlichen Tradition der beiden Bundesländer wird nicht empfohlen, das Brandenburger Fach LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) auf Berlin zu übertragen.

Weder Berlin noch Brandenburg bieten ihren Schülern genug Unterricht: Die wöchentliche Stundenzahl soll erhöht werden.

Trotz der geringen Schülerzahl in vielen Brandenburger Gemeinden warnt die Kommission davor, sehr kleine Schulen zuzulassen. Darunter leide die Qualität des Fachunterrichts.

Wenn abzusehen ist, dass ein Schüler möglicherweise keinen Schulabschluss erreicht, soll er ab der neunten Klasse verstärkt außerhalb der Schule in Betrieben in „praktische Lernsituationen“ kommen. Der Schulunterricht soll sich auf Deutsch, Mathematik und praktisches Grundwissen konzentrieren, andere Fächer können ganz wegfallen.

Das Expressabitur, das Gymnasien ab Klasse fünf anbieten, ist keine Lösung für die Begabtenförderung. Gymnasien sollen nur dann mit der fünften Klasse beginnen, wenn sie altsprachlich oder bilingual sind.

Das Sitzenbleiben soll weniger als bisher als Mittel der Qualitätssicherung herhalten. Die Versetzungsbestimmungen sollen deshalb überarbeitet werden. Schwache Schüler sollen gezielter gefördert werden.

Qualitätssicherung: Berlin und Brandenburg sollen eine gemeinsame Servicestelle für Qualitätssicherung einrichten. Sie könnte im Rahmen der ohnehin geplanten Zusammenlegung der beiden Lehrerbildungsinstitute geschaffen werden.

Die Berufsschulen sollen zu regionalen, im Einzelfall sogar überregionalen „Kompetenzzentren“ ausgebaut werden. Dies bedeutet, dass sie nicht nur die berufliche Erstausbildung begleiteten sollen, sondern auch Weiterbildung anbieten.

„Moderner“ naturwissenschaftlicher Unterricht soll nach dem Willen der Bildungskommission schon in der Grundschule beginnen.

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