Berlin : Explosion in Berliner Wohnhaus: "Das schönste Haus in der Straße"

Jörn Hasselmann

Eine gute Gegend. Charlottenburg, auf halbem Wege zwischen Deutscher Oper und Schillertheater. Eine schmale, baumgesäumte Straße ohne Durchgangsverkehr, dennoch sehr verkehrsgünstig gelegen. Bismarckstraße, Kantstraße, U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz, S-Bahnhof Savignyplatz sind in wenigen Schritten zu erreichen. Die kurze Straße hat nur 16 Hausnummern.

Ein schöner Altbau ist die Nummer 6, Baujahr 1898, vor etwa 20 Jahren, wie so viele zu dieser Zeit, in Eigentumswohnung umgewandelt. "Altberliner Bürgerlichkeit" würden Makler das Haus heute annoncieren oder "Gründerzeitcharme". Ebenerdiges Parterre, vier Stockwerke mit hohen Räumen, das Dachgeschoss seit einigen Jahren hübsch ausgebaut. Die Vorderfassade saniert, schöner Stuck, Blumen und Sonnenschirme auf den Balkonen. Ein Läufer auf der Treppe schmückt die Stufen im Treppenhaus; die alte Eingangstür aus Holz ist erhalten und nicht in den 70er Jahren durch neumodisches Metall ersetzt worden. Unter Denkmalschutz steht die Herderstraße 6 aber nicht.

Vormittags bescheint die Sonne die vordere, nach Osten gerichtete Fassade. "Das schönste Haus in der Straße", sagte der bekannte Rechtsanwalt Reiner Geulen dem Tagesspiegel, der sich dort vor zehn Jahren eine Dachgeschosswohnung gekauft hat. Er selbst wohnt nicht dort, sondern seine Frau und sein Sohn. Geulen, der erst Mittwoch nach Berlin zurückkommt, rätselte gestern, wem der Anschlag gegolten haben kann. Auch einen Anschlag auf einen der beiden gewerblichen Mieter im Parterre, Tierärztekammer oder eine Vermögensberatung, kann sich Geulen nicht vorstellen. "Bei der Vermögensberatung sind das nette junge Leute, die seit zwei Jahren Anlageberatung machen. Das ist mir alles schleierhaft." Auch seinen ersten Gedanken, dass der Anschlag ihm selbst gegolten haben könnte, hält er nach einiger Überlegung für unsinnig. Die Zeit sei vorbei. Derzeit vertrete er vor einem Frankfurter Gericht Gegner des Flughafenausbaus. Seit vielen Jahren hat er sich in Prozessen gegen Atom- und Verkehrbauten bundesweit einen Namen gemacht.

Wie die Gegend und das Haus sind auch die Mieter. "Biedere Beamten wohnen hier", sagt ein Mieter. Die Eigentümerquote soll in dem Haus nach Angaben des Verwalters bei 70 bis 80 Prozent liegen. In der Regel spricht diese hohe Quote für ein sehr gut geführtes Haus. Denn je mehr Eigentümer in einem Haus wohnen, desto mehr kümmern sich um auch. Allerdings sollen zwei oder drei der "mittelgroßen bis großen" Wohnungen gerade leer stehen, weil sie nach einem Verkauf umgebaut werden.

Auch Geulen bestätigte, dass es innerhalb der Eigentümergemeinschaft keinen Streit gegeben habe. Einige Wohnungen hätten sich in München ansässige Ärzte gekauft. In den Unterlagen des Amtsgerichts Charlottenburg steht für keine der Wohnungen derzeit eine Zwangsversteigerung an.

32 Parteien wohnen nach Polizeiangaben in dem Haus, im Vorderhaus, im Hinterhaus und im linken Seitenflügel. 36 Menschen sind dort polizeilich gemeldet. Mitten in den großen Ferien waren nur wenige Bewohner zu Hause. Mit dem Nachbarhaus Nummer 5 hat das Unglückshaus einen gemeinsamen Innenhof, beide Häuser bilden um diesen Hof jeweils ein großes "U". Dem Nachbarhaus Nummer 5 ist allerdings nach dem Krieg der Putz abgeschlagen worden, das frühere Ensemble der beiden Häuser ist von der Straße aus nicht mehr zu erkennen. Viele des Telefonleitungen des Hauses sind offensichtlich gekappt. Nicht nur bei der Tierärztekammer hörte man gestern: "Der Anschluss ist zur Zeit nicht erreichbar."

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