Berlin : Explosion in Berliner Wohnhaus: Die Druckwelle fegte Schränke durch die Zimmer

Tobias Arbinger

Die Straße rund um das Haus Herderstraße 6 gleicht einem Trümmerfeld. Zerstörte Büromöbel liegen vor dem weißen Altbau. Im Parterre hat die Druckwelle die Fenster aus den Ladengeschäften, einer Vermögensberatung und einem Büro der Tierärztekammer, herausgesprengt. Die Räume sind völlig verkohlt. Eine Haustür fehlt. Bis in den zweiten Stock des Gebäudes sind Scheiben zerstört. Etwa sechs Stunden sind seit der Gasexplosion vergangen. Männer von der Feuerwehr und vom Technischen Hilfswerk (THW) sind im Gebäude mit provisorischen Aufräumarbeiten beschäftigt. Im Flur des Hauses hat das THW die Decke mit Balken abgestützt. Die Straße ist abgesperrt. 300 Einsatzkräfte waren zeitweise vor Ort - Feuerwehr, Polizei, THW und andere.

Auf dem mit Glassplittern übersäten Bürgersteig stehen verschreckte Nachbarn. Auf einem Nachbargrundstück reicht der Arbeiter-Samariterbund Bewohnern des Hauses Nr. 6Eistee, andere werden in einer nahen Schule versorgt. "Es hörte sich für mich an wie eine Autobombe", erzählt der 56-jährige Rainer O., der im zweiten Stockwerk wohnt. "Ein Wumms - dann ein Klirren und Holzknirschen". Offen stehende Fenster in dem Balkonzimmer, in dem er schlief, sind durch die Detonation zerstört worden. "Sekunden nach dem Knall stand ich auf dem Balkon", erzählt der Mann. Er sah Polizeibeamte auf der Straße, die sich über ihre verletzte Kollegin beugten. "Die sind aber schnell", habe er sich gewundert. Dass die Beamten, wegen Gasgeruchs alarmiert, schon vor dem Knall am Haus waren, wusste er zu der Zeit noch nicht. Verzweifelt suchten O. und seine Frau ihren Kater. Sie retteten sich auf die Straße, Rainer O. "im Schlafanzug und Bademantel".

Michael Q. aus dem ersten Stockwerk wurde kurz vor 6 Uhr vom Geräusch der Sirenen wach. Die anrückende Feuerwehr konnte die Explosion aber nicht mehr verhindern. "Ich stieg gerade die Leiter meines Hochbetts herunter", sagt Q, der noch Rußspuren im Gesicht trägt - dann hörte er die Explosion. Die Druckwelle sei so stark gewesen, dass er sich habe festhalten müssen. Fensterglas flog aus den Rahmen. Möbel kippten um, die Gardinen zerrissen. Als er auf seinen Flur kam, lagen dort "die Flügel der Wohnungstür". "Ganz weiche Knie" habe er noch sagt, der Mann.

"Es hat geknallt, ich hab panisch die erstbesten Klamotten gegriffen und bin raus", erzählt die 50-jährige Gabriele L., Bewohnerin des dritten Stockwerks. Erst habe sie gedacht, "das kann doch gar nicht bei uns sein", dann sei es "Schlag auf Schlag" gegangen. "Vor der Wohnungstür lagen schon Glasscherben. Je tiefer ich das Treppenhaus herunterlief, desto schwerer waren die Schäden". Im Treppenhaus sei stellenweise das Geländer herausgebrochen, erzählt der Nachbar Rainer O. Auch er berichtet von zerstörten Wohnungtüren. Einige wurden von der Feuerwehr auf der Suche nach Verletzten eingeschlagen.

Das Technischen Hilfswerk baut auf der Straße eine mobile Kantine auf. Nachbarn tauschen Neuigkeiten aus, die sie soeben im Fernsehen gehört haben. Hinter einer Absperrung erinnert ein älterer Mann an Bombennächte im Zweiten Weltkrieg. Der Hauswart von Gegenüber hat sicherheitshalber im eigenen Keller nachgesehen, ob mit dem Gas alles in Ordnung ist. "Mir ist ganz schlecht", sagt seine Frau. "Es ist ja schon furchtbar, wenn soetwas woanders passiert. Aber nun, so dicht dran". Gerüchte machen unter den Zaungästen die Runde: Es habe vor wenigen Tagen im Parterre heftigen Streit gegeben, bei dem Türen geknallt worden seien, erzählt einer. Ein Handy-Anruf habe die Explosion ausgelöst, heißt es. Eine Gasleitung sei an drei Stellen manipuliert worden, sagt ein Dritter.

Auch Hausverwalter Hubert Figoluschka, der sich vor Ort einen Überblick verschafft, kennt die Ursache noch nicht. Von dem, was er von Feuerwehr und Polizei wisse, könnten defekte Leitungen oder Gasthermen solch eine Explosion allein nicht bewirken, sagt er. "Es kann nur manipuliert worden sein". Figoluschka zählt Schäden auf: Eine tragende Wand im Flur und Kellerdecken sind zerstört worden. Viel Glasbruch hat es gegeben, Ziegel wurden vom Dach gefegt.

Am frühen Nachmittag sollen die Bewohner des Hauses in Begleitung der Polizei in ihren Wohnungen das Notwendigste zusammenzupacken dürfen. Rainer O. wird mit Frau und Kater vorerst in der Wohnung der Schwiegereltern unterkommen, Gabriele L. bei einer Freundin in der Nähe.

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