Berlin : Explosion nach Ehekrach

Prozessbeginn gegen Lothar T., der sein Wohnhaus sprengen wollte

Katja Füchsel

Die Druckwelle fegte Schränke durch die Zimmer, Fensterglas flog aus den Rahmen, Möbel kippten um, Gardinen zerrissen. „Ein Wumms – dann ein Klirren und Knirschen“, sagte Anwohner Rainer O. nach der Explosion in der Herderstraße. „Es hörte sich an wie eine Autobombe.“ Es war aber eine Gasexplosion, die am 14. August 2000 die Nachbarn in dem gutbürgerlichen Altbau aus dem Schlaf riss. Und laut Anklage war es versuchter Mord, heimtückisch, in mindestens 32 Fällen. Vier Mieter und fünf Polizisten wurden bei der Detonation zum Teil lebensgefährlich verletzt. Am morgigen Freitag beginnt im Moabiter Kriminalgericht der Prozess gegen einen Miteigentümer des fünfgeschossigen Wohnhauses: Lothar T., 59 Jahre alt. Der gelernte Eletromechaniker soll die Gasleitung im Keller manipuliert und Teelichter aufgestellt haben, um das ausströmende Gas zur Explosion zu bringen.

In dem Charlottenburger Haus galt T. als Einzelgänger. „Keine Freunde, kein Besuch, schweigsam, mufflig, ungepflegt“, beschrieb ihn ein Nachbar aus dem Vorderhaus. In den letzten Jahren sei er sozial abgestürzt, mitsamt seiner Frau, die vermutlich Alkohol getrunken habe. „Die hat sich auf der letzten Eigentümerversammlung mit dem Verwalter angelegt. Sie fanden wohl keinen Ausweg mehr aus ihrer Situation.“ Andere Nachbarn berichteten, dass sich T. und seine Frau am Vorabend der Explosion in ihrer Maisonettewohnung lautstark gestritten hätten. Die Anklage vermutet, dass T. seine Frau mit dem Anschlag töten wollte, sie kam aber schwer verletzt davon. Es war eine Postbotin, die am Morgen das ausströmende Gas roch und die Polizei alarmierte. Doch das Unglück konnte nicht mehr verhindert werden: Eine 29-jährige Polizistin und eine 47-jährige Anwohnerin erlitten lebensgefährliche Verletzungen.

Nach der Explosion blieb Lothar T. verschwunden. Fast zwei Jahre jagte ihn die Polizei mit internationalem Haftbefehl. Spuren führten in den Schwarzwald und nach Trier. Schließlich wurde der mutmaßliche Attentäter auf der spanischen Ferieninsel La Palma gefasst. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, der handwerklich Geschickte, vermutlich als Hausmeister oder mit Reparaturarbeiten. Im Juni 2001 wurde T. nach Berlin überstellt.

Den Schaden an dem weißen Altbau in der Herderstraße schätzten Experten auf mehrere hunderttausend Mark, die meisten Bewohner kamen mit dem Schrecken davon: Sie konnten nach zehn Tagen wieder ihre Wohnungen beziehen. Die Explosion in der Herderstraße gilt als schwerste seit August 1998. Damals kamen in der Steglitzer Lepsiusstraße sieben Menschen ums Leben. Auch dort war an der Gasleitung manipuliert worden; als mutmaßlicher Täter gilt ein 13-Jähriger, der selbst starb.

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