Explosiver Konflikt : Kleinkrieg um Tankstelle an der deutsch-polnischen Grenze

Kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze streiten zwei Besitzer mit rabiaten Methoden ums Geschäft - seit Sonntag ist die Tankstelle mit fünf Tanklastern und mehreren Kleinbussen besetzt.

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Mit schweren Geschützen. Vermummte Männer versperren die Zufahrt zur lukrativen Tankstelle in Chojna. Der Jahresgewinn soll bei 341 000 Euro liegen. Foto: Claus-Dieter Steyer
Mit schweren Geschützen. Vermummte Männer versperren die Zufahrt zur lukrativen Tankstelle in Chojna. Der Jahresgewinn soll bei...

Die Männer in den schwarz-weiß gefleckten Tarnanzügen verstehen ihr Geschäft. Mit drohenden Gesten stellen sie sich in Positur, greifen wie zufällig nach den Pistolen am Gürtel oder holen ein Gewehr aus dem Büro. Ihre Gesichter verbergen sie hinter einer schwarzen Mütze mit schmalen Augenschlitzen. Dann gehen sie wieder auf Streife rund um ihre seit Sonntag besetzte Tankstelle gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze gegenüber von Schwedt. Dazu haben sich rund um das Gelände fünf Tanklaster aufgereiht, zwischen denen schwarze Kleinbusse und hochwertige Limousinen parken. Kein Autofahrer kommt an eine der 14 Tanksäulen, worüber sich vor allem deutsche Tanktouristen vom anderen Oderufer ärgern.

„Drehen die hier einen Actionstreifen?“, fragt ein Autofahrer aus Berlin. „Den Betreibern entgeht doch bestimmt ein Riesengeschäft.“ Doch der Mann, dessen Frau auf dem nahen Basar beim Kauf von Frühjahrspflanzen zugeschlagen hatte, irrte so wie alle anderen Autofahrer. Es handelt sich um einen handfesten Streit zwischen zwei unterschiedlichen Tankstellenbetreibern, der auf höchst ungewöhnliche Weise ausgetragen wird.

So bleibt das erhoffte Schnäppchen beim Preis von umgerechnet 1,20 Euro für den Liter Super unerreichbar, so dass die Tankstellen plötzlich auf der deutschen Seite das große Geschäft machen. Obwohl hier ein Literpreis von 1,59 Euro angeschlagen war, wollte kaum jemand an eine andere Tankstelle weiter im polnischen Landesinneren zurückfahren.

„Die meinen es hier wirklich ernst“, erzählte Pawel Z. aus dem nahen Chojna. „Wir bekommen offenbar russische Verhältnisse ohne Recht und Gesetz.“ Ein Tankstellenbeschäftigter mit der Aufschrift „Setpol“ an der Schirmmütze steht noch unter Schock. „Die Männer haben uns mitten in der Nacht aus dem Büro herausgezerrt, so dass wir zuerst an einen Überfall dachten.“ Er greift sich ans Herz und atmet tief durch. Man müsse doch solche Streitereien friedlich und mit Anwälten lösen, meint er. Der Mann darf mit seinen Kollegen nicht mehr aufs Tankstellengelände. Die Respekt einflößenden Uniformierten einer Sicherheitsfirma haben sie ausgesperrt.

Die Ursache des Streits ist seltsam: Die hoch verschuldete Gemeinde Chojna hat das Grundstück der lukrativen Tankstelle an die Firma „Apexim“ für eine hohe Summe verkauft, obwohl der jetzige Betreiber „Setpol" noch einen Pachtvertrag bis ins Jahr 2015 besitzt. Dieser ist nach Auskunft der Beschäftigten mehrfach mit juristischen Mitteln gegen den Verkauf vorgegangen, blieb aber erfolglos.

„Apexim“ wollte nun offenbar sofort auf das gekaufte Grundstück, um sich das Geschäft mit den vorwiegend deutschen Autofahrern nicht entgehen zu lassen. Wie örtliche Zeitungen berichten, soll der jährliche Nettogewinn allein dieser Tankstelle direkt an der Oder umgerechnet rund 341 000 Euro betragen.

Die polnische Polizei beobachtete das bisher in der Landesgeschichte einmalige Geschehen aus sicherer Entfernung. Sie griff aber weder am Sonntag noch am Montag ein. Ab und zu machte sich ein Beamter auf den Weg zu den Besetzern, um den aktuellen Stand der Dinge in Erfahrung zu bringen.

Inzwischen wird sogar eine weitere Eskalation der Lage nicht ausgeschlossen. „Setpol“ wolle eine andere Sicherheitsfirma beauftragen, die Tankstelle von den Besetzern zu räumen. Angesichts der gefüllten Tanks und der fünf hier aufgereihten Laster wären die Folgen wohl unabsehbar.

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