Berlin : Extrem nah dran an der rechten Szene

Die Polizeispezialeinheit „Politisch Motivierte Straßengewalt“ feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Innensenator: Rechte Gewalttaten erfolgreich eingedämmt

Frank Jansen

Eine Skinhead-Kneipe in Prenzlauer Berg. Glatz- und Scheitelköpfe schwenken Bierflaschen, aus den Boxen dröhnt Brüllrock, einer schläft unterm Fenster seinen Rausch aus. Zwei Männer betreten das Lokal, statt Bomberjacken tragen sie dicke Holzfällerhemden. Die Kurzgeschorenen blicken sich um. Ein Wortführer geht auf die Besucher zu, „das ist unser Deutschland! Ihr Arschlöcher habt hier nichts zu suchen!“ Da kommt der junge Skinhead-Wirt hinter dem Tresen hervorgelaufen, „Mensch, lass’ die in Ruhe!“ Die zwei Männer fixieren den Schreihals. „Sie bekommen eine Anzeige wegen Beleidigung“, sagt der eine. Der andere warnt mit leiser Stimme, „wenn Sie weitermachen, holen wir Sie hier raus“. Das wirkt. Der Skinwirt schiebt den Krakeeler weg. „Ich pass’ auf“, beeilt sich der Wirt, „hier passiert nichts“. Die zwei Männer gucken in die Runde. „Schönen Abend noch“. Auftritt beendet.

Sie sind in diesen Kreisen nicht gerade beliebt, die Beamten der PMS. Nacht für Nacht fahren die Männer der Polizei-Spezialeinheit „Politisch Motivierte Straßengewalt“ zu den Kneipen, Tätowierstudios und sonstigen Treffpunkten der rechtsextremen Szene. Seit zehn Jahren nun klebt die PMS an der Szene, bei Konzerten und jedem Aufmarsch sind die Beamten dabei – oft auch außerhalb Berlins. Am 2. Dezember feiert die Einheit ihr Jubiläum. Aus Politik und Polizei kommt reichlich Lob. „Die Abnahme rechter Gewalttaten ist ganz wesentlich auf das erfolgreiche Agieren der PMS zurückzuführen“, sagt Innensenator Ehrhart Körting. Die Zahl reduzierte sich von 92 im Gründungsjahr auf 35 Delikte 2001. Körting betont wie der Chef des Landeskriminalamts, Peter-Michael Haeberer, die Truppe habe „modellhaften Charakter“. Sie gelte vor allem in den neuen Ländern als Vorbild für ähnliche Spezialeinheiten, wie beispielsweise Brandenburgs „MEGA“ (Mobile Einsatztrupps gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit, 1998 gegründet).

Der Start der PMS war hektisch. Nach den Krawallen in Hoyerswerda und Rostock befürchtete die Berliner Polizei Attacken der rechten Szene auf die damals 280 Ausländerwohnheime der Stadt. Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung war die braune Klientel im Osten noch zu wenig durchleuchtet, um rechtzeitig erkunden zu können, was sich wo zusammenbraut. Hastig stellte jede Polizeidirektion drei Beamte ab. Die meisten waren jung, hoch motiviert, kaum einer hatte je mit Extremisten zu tun gehabt. Doch das Konzept ging auf. Systematisch hängt sich die heute 21-köpfige Einheit an die Szene ran, beobachtet Führungsfiguren, legt sich vor Veranstaltungen auf die Lauer. Und verhindert schwere Straftaten.

Treptow, Herbst 1997. Neonazis bilden eine „Kampfgruppe Schörner“, benannt nach einem Generalfeldmarschall der Wehrmacht. Die Minigruppe plant Attentate mit Rohrbomben. In Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz findet die PMS heraus, wer in der Gruppe mitmacht und was sie vorhat. Im Dezember nehmen die Beamten zwei Neonazis fest. Gerade noch rechtzeitig – eine der Bomben sollte in den nächsten Tagen auf dem Balkon eines Linken explodieren. Der letzte Erfolg ist gerade mal sieben Wochen alt. Die „Vandalen“, eine Gruppe militanter Neonazis, wollten mit zahlreichen „Kameraden“ aus dem In- und Ausland ihr 20-jähriges Bestehen feiern. Der Treffpunkt, die Marzahner Diskothek „Eulenspiegel“, wurde bis zuletzt geheim gehalten. Es nutzte nichts: Die PMS spähte die „Vandalen“ aus. Am 29. September standen die Beamten vor der Tür – gemeinsam mit 300 Kollegen.

Über sich selbst reden die PMS’ler nicht gern. Der Männerbund – samt einer herben Beamtin – gibt sich verschworen. Die coolen Profis genießen ihre Unabhängigkeit im Polizeiapparat. Ihre Erfolge sind allerdings teuer erkauft. Mehrere Ehen gingen bereits zu Bruch, Beamte wurden im Internet bedroht, die ewige Konfrontation ist stressig und ziemlich riskant. Einem PMS’ler flog beim NPD-Aufmarsch in Leipzig ein Stein ins Gesicht. Die Reaktion war typisch: Mit genähter Wunde ging der Polizeioberkommissar wieder zum Aufmarsch.

Einmal hat die PMS die Polizei vor einem Desaster bewahrt. Am 29. Januar 2000 zogen hunderte Neonazis mit Fahnen durchs Brandenburger Tor und riefen: „Ruhm und Ehre der Waffen-SS.“ Behelmte Beamte zogen etwa 30 Schreier heraus, doch der Einsatz war nicht gesichert. Die braunen Marschierer wollten ihre „Kameraden“ befreien. Beamte der PMS erkannten die Gefahr, zogen ihre Tonfa-Stöcke und stellten sich in einer Postenkette auf. Eine filmreife Szene. Die Neonazis wichen vor den nicht mal zehn PMS’lern zurück. Hinterher atmeten die Beamten tief durch – und rückten nochmal aus. Zur Routinestreife durch die Szenetreffs.

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