Extremismus : Links hören, rechts denken

Mit Piercings, Popmusik und Palästinensertuch demonstrieren sie gegen Kapitalismus. Neonazis geben sich als Linke aus, um bei Jugendlichen gut anzukommen. Das Bild vom kahlgeschorenen Nazi-Skinhead stimmt schon lange nicht mehr - wie Rechtsextreme in Jugendkulturen vordringen.

Johannes Radke
Müll
Kampf gegen Rechts. Mülltonne in Spandau die Nazigegner zu einer Installation umgestaltet haben. -Foto: Nowakowski

Eine Gruppe schwarz gekleideter Demonstranten läuft die Straße entlang. Sie schwenken Palästina-Fahnen, einige tragen „Che Guevara“-T-Shirts. Auf einem bunten Transparent steht die Parole „Kapitalismus zerschlagen“. Um sie herum haben behelmte Polizisten ein Spalier gebildet. Aus dem Lautsprecherwagen ertönt Musik der linken Kultbands „Ton, Steine Scherben“ und „Die Ärzte“.

Eine Demonstration von linken Autonomen? Keineswegs. Tatsächlich handelt es sich bei der Szene um einen Neonazi-Aufmarsch im vergangenen Jahr in Treptow. Das in den Medien vorherrschende Klischee vom rechtsextremen Skinhead mit Bomberjacke und Springerstiefeln sucht man bei vielen rechtsextremen Kundgebungen mittlerweile vergeblich. Beinahe unbemerkt hat sich vor allem die jugendliche Neonazi-Szene stark verändert. „Rechtsextreme Skinheads dominieren längst nicht mehr, sie sind nur noch eine von vielen Strömungen innerhalb der rechten Szene“, sagt Toni Peters vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz).

Besonders die militanten Kameradschaften tragen in Berlin zur Veränderung des Neonazi-Images bei. Sie nennen sich „Autonome Nationalisten“ oder „Freie Kräfte“. Sie tragen Piercings und T-Shirts mit Rock'n'Roll-Motiven. Den Kommunisten Che Guevara dichten sie einfach um zu einem „Nationalen Revolutionär“. Als links geltende Symbole, zum Beispiel rote Fahnen werden von ihnen aus dem Kontext gerissen und im Sinne der eigenen Ideologie umgedeutet. Sie fordern einen „Anti-Kapitalismus von Rechts“. Das ist Provokation und gleichzeitig Teil einer neuen rechten Strategie. Dass die Kameradschaften auch das Palästinensertuch tragen, soll auch zum Ausdruck bringen, dass man den Kampf der Palästinenser gegen Israel, gegen die Juden unterstützt.

Für Außenstehende ist der Wandel weg von rechter Symbolik hin zur Aneignung linker Zeichen kaum verständlich. Manche Neonazis sind äußerlich kaum noch von linken Jugendlichen zu unterscheiden. Der Verfassungsschutz und Szenekenner beobachten diese Entwicklung schon länger mit Sorge. „Das erklärte Ziel der Rechten ist es, für die breite Jugend attraktiv zu werden und aus dem Ghetto des eindeutigen Rechtsextremismus herauszukommen“, sagt Rechtsextremismusexperte Toralf Staud. Um in der Neonaziszene akzeptiert zu werden, muss man schon lange nicht mehr Skinhead sein und Rechtsrock hören. Die führenden Köpfe des militanten Kameradschaftsspektrums haben erkannt, dass es viel einfacher ist, Jugendliche zu rekrutieren, indem man sich nach außen offen, modern und ungefährlich gibt. Das dumpfe, martialische Auftreten von „Nazi-Glatzen“ verschreckt zu viele potentielle Anhänger. Die rechte Szene müsse einfach interessanter für andere Jugendkulturen werden, erklärte der als „Hitler von Köln“ bekannt gewordene Neonazi-Aktivist Axel Reitz in einem Interview des Westdeutschen Rundfunks. Es sei egal welche Frisur man trage und auf welche Musik man stehe. „Es kommt auf die politischen Inhalte an“, so Reitz.

Nachdem sich ehemals in der rechten Szene beliebte Kleidungsmarken wie Lonsdale oder Fred Perry erfolgreich vom rechten Image gelöst haben, sind die Neonazis auf andere Kleidungsstile umgestiegen. Die neuen, in der Szene beliebten Modemarken heißen Thor Steinar, Rizist oder Sportfrei. Das Sortiment ist qualitativ hochwertig, modisch geschnitten und für Laien kaum von normalen Sportmarken zu unterscheiden. Moderne Graffiti- und Hip Hop-Motive haben die alten Symbole der Rechten abgelöst. So vermeiden die neuen Popnazis verbale Auseinandersetzungen im Alltag, sie sind aber für Szene-Mitglieder trotzdem zu erkennen. Allein in Berlin gibt es vier Szeneläden, deren Angebot sich ausschließlich an rechtsextreme Kundschaft richtet, wie Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vor kurzem auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus bestätigte.

Auch im Musikbereich versuchen die Rechtsextremen, verstärkt in andere Jugendkulturen vorzudringen. Ob Hip-Hop, Heavy Metal oder Techno – es gibt kaum noch eine Musikrichtung, in der es nicht auch rechtsextreme Bands gibt. Aber die Neonazis begeistern sich auch zunehmend für linke Punk- oder Hardcore-Musik. Die politische Einstellung der Bands wird dabei einfach ausgeblendet.

Je stärker sich die rechte Szene verändert und unterschiedliche Facetten einer Jugendkultur vereint, umso schwieriger wird es für zivilgesellschaftliche Kräfte, sich erfolgreich gegen Rechts zu engagieren. „Man muss ganz genau hinhören, denn die rechten Inhalte sind immer noch die alten“, rät apabiz-Sprecher Toni Peters. „Man darf den Neonazis auch im neuen Gewand keine Chance geben, sich zu etablieren.“ Johannes Radke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben