Extremismus : Militante Szene nimmt Baugruppen ins Visier

Im Internet wird gegen Links-Alternative gehetzt, die gemeinsam Wohnprojekte verwirklichen. Warum ziehen ausgerechnet diejenigen den Zorn der Linken auf sich, die die Ideen linker Wohnprojekte verwirklichen, wie es sie seit 30 Jahren in Kreuzberg gibt?

Tanja Buntrock

Sie stammen häufig aus dem linksalternativen Milieu, setzen auf eine ökologische Bauweise und wollen gemeinsam selbstbestimmt wohnen: Freundeskreise, Familien oder Einzelpersonen, die sich in Baugruppen zusammenschließen, um in den Innenstadtbezirken Wohnprojekte zu schaffen. Doch selbst sie ziehen den Hass von Linksextremisten auf sich. Erst vorige Woche gab es, wie berichtet, einen Anschlag auf das im Bau befindliche Ökohaus der Baugruppe „Zur Börse“ in Prenzlauer Berg. Und auch auf dem linken Internetportal „Indymedia“ wird gegen genossenschaftliche Wohnprojekte mobil gemacht.

Im Visier der linken Szene stehen auch die Baugruppen, die in Alt-Treptow – an der Lohmühlenstraße und der Karl-Kunger-Straße – aktiv sind: Dort entstehen Stadtvillen in Ufernähe. Erst am Wochenende hatte es einen Farbbeutelanschlag auf eines der Gebäude an der Lohmühlenstraße gegeben. Ein Bekennerschreiben der linken Szene liegt vor.

Doch warum ziehen ausgerechnet diejenigen den Zorn der Linken auf sich, die die Ideen linker Wohnprojekte verwirklichen, wie es sie seit 30 Jahren in Kreuzberg gibt?

In einigen linken Kreisen werden sie mitverantwortlich für den Prozess der „Stadtumstrukturierung“ gemacht – sie tragen ihrer Ansicht nach dazu bei, dass die Mieten in der Umgebung drastisch steigen und einkommensschwächere Bewohner vertrieben werden. Auf Indymedia heißt es: „Zu einer Baugruppe schließen sich meist Leute aus einem links-alternativen, aber mittlerweile gut verdienenden Milieu zusammen, die mit ihresgleichen ein kuscheliges Wohnprojekt gründen wollen (...) Weil sie ja so aufgeschlossen links-alternativ sind, weil es toll ist, sich für ein gemeinschaftliches Projekt zu engagieren, und weil man früher ja auch mal – bitte ankreuzen – Punk war; Häuser besetzt hat; Demos organisiert hat; Sonstiges (...).“

Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux kritisiert diese Darstellung. „Das sind Linksextreme, die offenbar die absolute Wahrheit für sich beanspruchen. Eine Mischung aus Militanz und Durchgedrehtheit“, sagt er. Lux stellt zudem klar: „Egal, welche Zielgruppe sie sich aussuchen, ob nun den Porsche-Fahrer oder die linksalternative Baugruppe: Solche Anschläge sind immer zu verurteilen.“

Auch Carsten Joost von der Initiative „Mediaspree versenken“ kritisiert das Vorgehen gewalttätiger Gruppen. „Wir sehen Baugruppen als sinnvolle Ergänzung für die Stadtentwicklung an der Spree“, sagt er. Die Baugruppen seien unkommerziell. Es sei nicht das Ziel ihrer Investition, Profit abzuschöpfen. Vielmehr nutzten sie das Geld, das sie in ihr Projekt investieren, für eigene Ansprüche – die Architektur wird auf die Wünsche und Bedürfnisse derjenigen zugeschnitten, die in den Häusern selbst wohnen werden.

Ein anderes Projekt, nämlich das in der linken Szene viel kritisierte Carloft-Wohnprojekt in Kreuzberg, wähnen einige linke Gruppen bereits vor dem Aus. So berichtet das autonome Szeneblatt „Interim“, dass die Lofts in der Reichenberger Straße ein Flop seien: Nur zwei der elf Wohnungen, bei denen der Käufer sein Auto mit in die eigenen vier Wände nehmen kann, seien vermietet. Die linken Aktivisten führen dies darauf zurück, dass sie durch etliche Stein- und Farbbeutelwürfe auf das Objekt mögliche Interessenten abgeschreckt hätten. Eine Sprecherin des Carloft-Projekts widerspricht: „Neben den zwei bezogenen sind sieben weitere Lofts verkauft. Die Bewohner ziehen bis Jahresende ein.“

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