Berlin : Extremistische Islamisten: Milli Görüs sieht sich unter falschem Verdacht

Amory Burchard

Von der Offensive des Innenministers Otto Schily gegen extremistische islamistische Vereinigungen in Deutschland fühlt sich die Islamische Gemeinschaft - Milli Görüs (IGMG) "nicht angesprochen". Wenn eine Organisation gegen die demokratische Grundordnung arbeite, sagte Milli-Görüs-Sprecher Hasan Akyol gestern dem Tagesspiegel, müsse sie selbstverständlich verboten werden. Milli Görüs aber sei keine extremistische, ja nicht einmal eine politische Vereinigung, sondern verfolge ausschließlich religiöse und soziale Zwecke.

In Berlin hat die Vereinigung 3000 Mitglieder, rechnet sich aber 30 000 Anhänger zu. Die Vereinigung kooperiere mit 60 bis 70 Moscheen in der Stadt, erteile aber selber keinen Koranunterricht, sagt Akyol. Die Jugendarbeit sei sozial ausgerichtet. Milli Görüs versuche vor allem, arbeitslosen und drogengefährdeten Jugendlichen zu helfen. Der Verein biete an seinem Sitz am Kottbusser Damm 75 (Kreuzberg) auch Computerkurse und Frauengruppen an.

Özcan Mutlu, schulpolitischer Grünen-Sprecher, widerspricht der Darstellung Akyols in einigen Punkten: Milli Görüs betreibe seines Wissens zahlreiche Moscheen in Berlin, darunter eine der größten der Stadt am Kottbusser Tor. Die Vereinigung habe mehrere Unterorganisationen unter anderem Namen gegründet, die Jugendklubs betrieben, in denen Jugendlichen "an Milli Görüs gebunden werden." Die Religion sei immer die Basis der Jugendarbeit.

Der Verfassungsschutz beobachtet Milli Görüs unter dem Verdacht "islamistisch-extremistischer Bestrebungen". Die IGMG, so heißt es im Verfassungsschutzbericht 2000, orientiere sich am Gedankengut der in der Türkei verbotenen und aufgelösten Wohlfahrtspartei. Das Hauptziel dieser nationalistisch ausgerichteten islamistischen Partei sei die Errichtung einer islamischen Staatsordnung in der Türkei nach den Gesetzen der Scharia. Die bundesweit tätige IGMG sei aber "weithin bestrebt, ihre islamisch-extremistischen Ziele nach außen hin nicht erkennbar werden zu lassen."

Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz habe bislang nichts ergeben, kontert der Berliner Milli-Görüs-Sprecher. "Es sind nie gewalttätige Dinge passiert", sagt Hasan Akyol. Die Anschläge in den USA hat Milli Görüs eindeutig verurteilt: "Wir verabscheuen das, was passiert ist. Wir hoffen, dass die Täter so schnell wie möglich gefasst und bestraft werden." Auch der Botschaft des Freitagsgebets in einer Kreuzberger Moschee, zu dem Milli Görüs aufgerufen hatte, würden "99,9 Prozent" der Milli-Görüs-Anhänger zustimmen: "Ein Menschenleben ist heilig. Wer ein Leben rettet, hat die ganze Menschheit gerettet. Wer ein Leben tötet, hat die ganze Menschheit getötet." Vor der Moschee seien am Freitagabend vereinzelt auch antiamerikanische Äußerungen zu hören gewesen. Von dieser Minderheit der Milli-Görüs-Mitglieder und Anhänger, "die unverantwortliche Aussagen machen" distanziere sich die Vereinigung "scharf", sagte Hasan Akyol. "Da steckt etwas in den Köpfen, das wir nicht kontrollieren können."

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