Berlin : Exzellenz für einen Tag

Christoph Stollowsky

Beim "Happy Birthday" gaben die Vereinigten Staaten von Amerika den Ton an. 49 Delegierte aus ebenso vielen Ländern sangen das Geburtstagslied auf Antrag der USA für die chinesische Jung-Diplomatin Lili Tao, die gestern 28 Jahre alt wurde. Und später, in einer Sitzungspause der ersten Weltkonferenz gegen den Internationalen Terrorismus, drängelten sich die Exzellenzen um zwei Teller mit Gummibärchen. Keine üblichen Szenen auf dem internationalen Parkett. Doch ansonsten lief am Sonnabend im Senatssaal der Freien Universität (FU) in Dahlem alles streng nach den Regeln weltweiter Konferenzen ab.

Sogar die Kleider-Ordnung war klar. Vor allem: keine Jeans. Also band sich der Vertreter des Vereinigten Königreiches, Philipp Jornitz, eine weinrote Seidenkrawatte um, nahm seinen dunklen, konservativ geschnittenen Bussiness-Anzug vom Bügel und trug ihn so steif, als müsse er gleich in Downing Street vorsprechen. Unterdessen schoss der in graues Tuch gewandete Delegierte des Iran, Marcus Scharf, wie ein Kugelblitz durch die Kollegenschaft, um noch schnell vor der nächsten Diskussionsrunde ein Bündnis der islamischen Staaten zu knüpfen.

Beide studieren Jura, Philipp Jornitz im ersten, Marcus Scharf im siebten Semester. Beide interessieren sich für Völkerrecht und streben diplomatische Berufe an. "So ein Job bei der UN", sagt Marcus Scharf, "das wäre schon ein Traum". Deshalb bewarben sie sich für das "Planspiel" der Freien Universität - eine simulierte internationale Konferenz, bei der alljährlich zu Beginn des Wintersemesters Studenten und junge Diplomaten aus Osteuropa die Praxis proben. Im vergangenen Jahr traf sich im FU-Senatssaal an der Garystraße der Weltsicherheitsrat zu einer Sondersitzung. Es ging um die US-Sanktionen gegen Irak. Diesmal ergab sich das Thema aus den Anschlägen vom 11. September: 49 Staaten sollten unter der Schirmherrschaft der UN eine Definition für "Terrorismus" finden, dessen Ursachen erklären und gemeinsame Maßnahmen gegen terroristische Gewalt beschließen.

Es ist alles bestens vorbereitet. Lange Tische im Karree, an der Wand hinter dem UN-Generalsekretär hat man die blaue Fahne der Vereinten Nationen befestigt, und vor jedem Delegierten hängt die Nationalflagge an kleinen Ständern. Lili Tao, die 28-jährige Chinesin, drückt auf den Knopf ihrer Sprechanlage. "China unterstützt die USA", sagt sie. Aber bei den Angriffen auf Afghanistan dürfe es keine Zivilopfer geben." Lili Tao arbeitet als Referentin für die Beziehungen zur Bundesrepublik im chinesischen Außenministerium in Peking, hat Germanistik studiert und lebt jetzt für drei Monate in Berlin: als Gast des Auswärtigen Amtes. Gemeinsam mit anderen jungen Diplomaten aus Asien und Osteuropa besucht sie in Treptow ein Seminar für europäische Politik- und Geschichte, macht Praktika in Behörden - und nun sitzt sie für ihr Land am Mikro in der FU.

Gibt es gute und böse Terroristen? Sind gewalttätige Bewegungen für Freiheit und Unabhängigkeit gerechtfertigt? Setzen sich Regierungen gegen solche Angriffe zu Recht zur Wehr - oder darf man sie als Staatsterroristen beschimpfen? Das sind Kardinalfragen am Sonnabend. Jeder Jung-Diplomat vertritt die Position seiner Regierung, jeder FU-Student hat sich per Lektüre und Internet auf seine Rolle vorbereitet.

"Exzellenzen, Herr Generalsekretär, wir werden zunächst über die Definition von Terrorismus reden", sagt die Versammlungsleiterin - und Daniel Wunsch ist hellwach. Darauf hat der Politologie-Student gewartet. Jeden Antrag, der ihm nicht passt, will er als Vertreter des Irak "herauskegeln", obwohl er die Dinge persönlich anders sieht. "Im Namen des Allmächtigen", ruft er, "mein Land leiden unter dem Staatsterrorismus der USA." Und dann verteidigt Daniel den "Freiheitskampf" der Palästinenser.

Zwei Minuten Redezeit hat er und keine Sekunde mehr. Dann kontert Bettina Schwarz, die Orientalistik-Studentin im 10. Semester, für Israel. "Wir sind permanent dem Terrorismus ausgesetzt", sagt sie mit fester Stimme. Und es wird immer schwerer, auf dieser Konferenz eine gemeinsame Sprache zu finden. Wie in der Wirklichkeit.

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