Berlin : Exzessive Saufgelage sind der neue Teenie-Partytrend

Rettungsärzte und Sozialarbeiter registrieren immer mehr Jugendliche mit Alkoholvergiftungen

Tanja Buntrock

Sie trinken bis zum Umfallen. Oder, treffender gesagt, bis der Arzt kommt. „Binge-drinking“, wie es im Englischen heißt, also exzessive Saufgelage, sind inzwischen offenbar auch bei Jugendlichen und Heranwachsenden in Berlin Trend. Entweder betrinken sich ganze Cliquen auf sogenannten „All you can drink“- („Trink, so viel du kannst“-) Partys in Großraumdiskotheken, oder sie tun dies bei privaten Treffen. Ärzte in Rettungsstationen stellen das vermehrt fest, aber auch Sozialarbeiter.

„Die Zahl der alkoholvergifteten Jugendlichen, die zu uns gebracht werden, hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen“, sagt Peter Albers, Sprecher der Rettungsstellen der Vivantes-Kliniken. Eine Statistik kann der Mediziner nicht liefern, doch die Beobachtungen seiner Kollegen bestätigen einen solchen Trend. „Durchschnittlich alle vier Wochen haben wir einen solchen schweren Fall“, sagt Albers. Besonders besorgniserregend sei die Tatsache, dass immer häufiger auch „Mischintoxikationen“ auftreten, also Vergiftungserscheinungen, weil Alkohol zusammen mit Drogen konsumiert wurde.

Werden die Patienten anschließend dazu befragt, wie es zu einem solchen Vollrausch kommen konnte, sei meistens zu hören, dass sie sich privat zu einem Trinkgelage getroffen hätten. Vereinzelt kämen die Jugendlichen aber auch von Partys in Großraumdiskotheken, meist im Ostteil der Stadt. Mit den „Flatrate“- oder „All you can drink“-Partys wollen die Veranstalter junges Publikum auf die Tanzflächen locken. Angebote wie bei All-Inklusive-Pauschalreisen: Die Gäste zahlen einmal Eintritt und können anschließend den ganzen Abend oder über mehrere Stunden kostenfrei trinken – so viel sie wollen. „Oftmals besteht bei den jungen Leuten sogar Lebensgefahr“, sagt Konstantin Fritsch von der „Integrierten Suchtberatung Lichtenberg“. Er setzt sich mit seinen Kollegen schon seit längerem mit dem Phänomen auseinander. Diplompädagogen wie Fritsch helfen suchtgefährdeten Jugendlichen. „Wir werden von den Kliniken in Lichtenberg gerufen, wenn Kinder oder Jugendliche mit Alkohol- oder Drogenvergiftungen aufgenommen wurden.“ Fritschs Erfahrung zeigt, dass es seltener die Disko-Parties sind, auf denen sich die Jugendlichen ins Koma trinken. „Das kommt zwar vor, doch meistens verabreden sie sich privat.“ Häufig träfen sie sich in Baracken auf Brachgeländen im Ostteil der Stadt. Dort betränken sie sich dann systematisch. „Biermixgetränke, Wodka, Schnaps und Limonade – die trinken alles durcheinander“, sagt Fritsch. Drei bis vier Fälle zählt der Pädagoge pro Monat, bei denen die jungen Konsumenten mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus enden.

Die „Lust am Rausch“ sei einer der Gründe, warum sich die Jugendlichen so volllaufen lassen. Auch „Perspektivlosigkeit“ nennt Fritsch. Sie wüssten nicht, was sie sonst tun sollen, und seien „experimentierfreudig und neugierig“. Das Thema Alkohol sei eines der Hauptthemen in vielen Cliquen. Andere wiederum litten darunter, dass die Eltern sie vernachlässigten. Und meistens seien es auch die Eltern, die mit schlechtem Beispiel vorangehen: Die seien selbst häufig volltrunken.

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