Berlin : Ezechiel und die Bequemlichkeit

Messe in der Akademie

Anne Seith

SONNTAGS UM ZEHN

Es ist ein ungewohntes Bild für einen Sonntags-Gottesdienst: Fast alle Plätze sind besetzt. Allzu verwunderlich ist das aber in diesem Fall nicht, denn in dem kleinen quaderförmigen Natursteinbau der St.-Thomas- von-Aquin-Kirche in Mitte finden nur 120 Besucher Platz. Doch auch von der viel beklagten Überalterung der Gemeinden ist in der Kirche der Katholischen Akademie nichts zu spüren. Viele Besucher dürften zwischen zwanzig und vierzig Jahren alt sein. Das mag an der familiären Atmosphäre liegen: Auch fremde Gäste werden beim Eintreten von vielen Anwesenden mit einem freundlichen Nicken begrüßt. Es könnte auch daran liegen, dass die Gemeinde es auf wundersame Weise schafft, die feierlichen Lieder im Takt zu singen und nicht – wie sonst häufig der Fall – ständig einen halben Taktschlag hinter dem Organisten herzuleiern. Nicht zuletzt kommt das junge Publikum aber auch wegen des geistlichen Rektors Ernst Pulsfort so zahlreich, der heute den Gottesdienst hält.

„Wachrüttel-Predigten“ nennt ein 29-jähriger Zuhörer die Bibel-Interpretationen des 47-Jährigen mit den freundlichen und gleichzeitig strengen Gesichtszügen und der runden Metallbrille. Jemand anders bezeichnet ihn als „Querdenker“. Und auch heute spart der Geistliche nicht mit kritischen Worten. Es ist vor allem die Bibelstelle Ezechiel, 1,28 bis 2,5, die er für seine Predigt heranzieht. Gott fordert Ezechiel auf, sein Wort zu verkünden, zuvor jedoch den Mund zu öffnen, dann streckt er ihm eine Buchrolle entgegen: „Menschensohn, gib deinem Leib zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe.“ Die Nachricht, die laut Pulsfort hinter dieser seltsamen Ansprache Gottes steckt: Die christliche Botschaft muss ständig hinterfragt werden. Es reiche nicht, die Bibel zu lesen, sie müsse ständig neu durchdacht werden, immer wieder neu „gegessen“ werden. „Ich glaube, dass davon unsere christliche Identität abhängt.“ Auch die christliche Kirche werde diesem Anspruch noch nicht ganz gerecht. „Wir leben in einer Behauptungskirche: Seit 2000 Jahren behaupten wir, wir wüssten worum es in der Bibel geht. Aber ist es wirklich so?“

Es ist eine Aufforderung, die Pfarrer Pulsfort der Gemeinde in seiner klaren, flotten Sprache übermittelt. Man solle es sich nicht bequem machen in der Religion. Die Anrede Gottes an Ezechiel sei schroff, sagt Pulsfort beispielsweise an einer Stelle. „Menschensohn, stell dich auf deine Füße – damit reißt er ihn aus seiner Bequemlichkeit heraus!“

Und auch heute sei es für viele „ganz gemütlich“ in der Religion, man ließe sich taufen, gehe zur Kirche und zur Kommunion. Doch man müsse auch seine Seele hineingeben. „Christentum bedeutet, Gottes Ansprache auch als Einspruch in das Leben zu verstehen.“

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