Berlin : Fahrerflucht nach tödlichem Unfall

Zweiter Fall in dieser Woche / Angetrunkener Fahrer gestand einer Krankenschwester die Tat

Jörn Hasselmann

Sie holten keine Hilfe, sondern drückten aufs Gaspedal: Bereits zweimal haben Autofahrer seit dem vergangenen Wochenende nach tödlichen Unfällen die Flucht ergriffen. In der Nacht zu Donnerstag fuhr ein Golf-Fahrer in Lichtenberg einen Fußgänger tot und hielt nicht an. Die Leiche wurde später von einem Taxi überrollt. Dessen Fahrer informierte die Polizei: „Ich habe hinter dem Tunnel Alt- Friedrichsfelde ein Tier überrollt.“ Doch statt eines Tierkadavers fanden die Beamten die Leiche eines 43-jährigen Mannes.

Stunden später rief eine Krankenschwester bei der Polizei an und berichtete, dass ein Patient unter Schock gebeichtet habe, den Mann überfahren zu haben. Das war richtig: Am Golf fand die Polizei massive Unfallschäden. Der Fahrer hatte Alkohol getrunken.

Erst am Sonntag war ein 36-jähriger Passant an der Naumannstraße in Schöneberg überfahren und getötet worden. Der BMW-Fahrer hatte zwar anonym der Feuerwehr den Unfall gemeldet – war dann aber auch weitergefahren. Dann bekam er es mit der Angst: Ihm fiel ein Zeitungsbericht ein, wonach die Feuerwehr alle Rufnummern speichert – selbst bei eingeschalteter Rufnummernunterdrückung. Er stellte sich darauf mit seinem Anwalt der Polizei. Angeblich habe der Mann schon auf dem Pflaster gelegen, sagte er aus. Bekannt ist, dass der Getötete stark alkoholisiert war, er kam aus einer Kneipe. Ob auch der Unfallfahrer etwas getrunken hatte, spielt keine Rolle mehr. „Das ist nicht mehr nachzuweisen, also hat er Glück gehabt“, sagte ein Ermittler.

Während die beiden Männer, die in dieser Woche mit ihrem Auto Menschen töteten, schnell ermittelt werden konnten, sucht die Polizei gerade in zwei weiteren Fällen mit schwer verletzten Passanten dringend Hinweise auf die flüchtigen Fahrer. Am 27. Januar war auf dem Spandauer Damm eine 80-Jährige liegen gelassen worden, zwei Tage zuvor war eine 52-Jährige von einem rückwärts fahrenden Wagen, vermutlich ein Opel Mondeo, umgefahren worden.

„Die Häufung von Unfallfluchten ist auffällig“, sagt Lutz Henning, der bei der Polizei für Verkehrssicherheit zuständig ist. Zwei so dramatische Fälle kurz hintereinander habe es noch nicht gegeben. „Aggressionsverhalten und Rücksichtslosigkeit sind hoch.“ Geflüchtet werde meist, wenn das Auto geklaut oder Alkohol im Spiel sei. Günter Steffen, der Chef der Verkehrspolizei in der Direktion 6, sieht die Unfallfluchten noch drastischer: „Das ist doch schon Hobby – man fährt eben weiter.“

Im Jahr 2002 gab es in Berlin unter den etwa 13 000 Unfällen mit Fahrerflucht nur einen, der tödlich endete: Am 13. Oktober war auf der Rathenower Straße in Moabit ein 61-Jähriger tot gefunden worden. Der Fall ist bis heute nicht geklärt – und wird es vermutlich auch nicht mehr, hieß es in der Direktion 3.

Dass eine Unfallflucht mit tödlichem Ausgang nicht aufgeklärt wird, ist allerdings sehr selten. Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden hat zwei Datenbanken entwickelt – sie helfen, Fahrzeuge schon durch eine winzige Lackspur oder den Splitter eines Blinkers nach Typ und Baujahr zu identifizieren. Etwas Farbabrieb am Mantel des Opfers reicht – doch bei dem tödlichen Unfall in der Rathenower Straße gab es gar keine Spuren. 2002 starben 82 Menschen im Verkehr, im Jahr zuvor waren es nur 65.

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