Berlin : Fahrerlaubnis: Die Angst vor der Kreuzung zweier gleichberechtigter Straßen

Katja Füchsel

Das erkennen die Leute beim TÜV schon, als das Auto auf den Hof biegt. Hinten sitzt der Fahrprüfer, am Steuer der Lehrer, daneben eine junge Frau, weinend. Gescheitert ist die 18-jährige Türkin an einer weißen durchgezogenen Linie. Nun werden die Eltern schimpfen, und in den Urlaub darf sie jetzt auch nicht mitfahren. Das Mädchen schluchzt. "Das ist schwer, wenn von zu Hause so ein Druck ausgeübt wird", sagt Norbert Fleischer. Der Prüfer guckt mitleidig, muss aber gleich weiter. Auf dem Hof wartet auf ihn bereits der nächste Kandidat.

Im Dreiviertel-Stunden-Takt werden beim TÜV an der Alboinstraße die Führerschein-Aspiranten durch die praktische Prüfung geschleust. Rauf auf die Autobahn, runter von der Autobahn, einmal wenden, einmal einparken. Über jeden Spurwechsel, jede Kurve wacht der Fahrprüfer im Rücken. "Fahren Sie mal bitte rechts ran", gilt als das Aus vom Mann hinten rechts. Fleischer und seine Kollegen fällen es oft: Rund 37 Prozent, also mehr als jeder Dritte der Berliner Prüflinge, fallen beim ersten Versuch durch. In Brandenburg, dem bundesweiten "Spitzenreiter", scheitern sogar 40 Prozent. "Im Vergleich mit den anderen Großstädten, beispielsweise Hamburg, stehen wir in Berlin aber gar nicht so übel da", sagt Martin Mönck, seit 34 Jahren Fahrprüfer beim TÜV. "Aber der Verkehr in der Stadt ist einfach die Hölle." Mönck beginnt aufzuzählen: Geballte Blechkolonnen, aggressive Fahrer, unübersichtliche Verkehrsführung. Und die Fahrradfahrer, sagt Mönck, kommen inzwischen aus jeder Richtung, "außer von oben".

Dabei haben es die Kandidaten, die an diesem Tag mit zittrigen Knieen zu Mönck und Fleischer in den Fond steigen, die erste Hürde bereits gemeistert: die theoretische Prüfung. Gleich um die Ecke, in einem kargen Raum, sitzen die Theorie-Prüflinge. Der PVC-Boden und die Tische sind braun, die Stühle grün, die Pflanzen aus Plastik. Vier Männer sind tief über ihre Unterlagen gebeugt, in ihren Händen zappelt ein Kuli. "Der da rechts ist schon über eineinhalb Stunden drin", sagt Prüfer Gerhard Wietekind grinsend. Eine Glasscheibe trennt ihn von den Kandidaten. Junge Leute, die meisten sind zwischen 18 und 25, geben sich in seinem Büro die Klinke in die Hand. In der Ferienzeit versuchen täglich rund 50 Schüler ihr Glück - mal ehrenwert, mal mit Spickzetteln oder anderen Tricks.

An diesem Vormittag hat Wietekind zwar noch keine Betrüger, dafür aber Dutzende Gewinner und Verlierer abgefertigt: "Die halten sich heute die Waage." Da ist zum Beispiel Falk Wendt, 19 Jahre alt, bereits drei Mal durch die Theorieprüfung gefallen. Ein fröhlicher Junge mit braunen Augen - und enormer Zuverzicht. "Ich habe mir die letzten Male immer gesagt: Ach, es wird schon klappen", erklärt er und verspricht dann: "Aber gestern habe ich wirklich geübt." Wendts Mutter setzt offenbar lieber auf Anreize, statt auf Strafen: Sie versprach dem Sohn, seine Reise nach Portugal zu finanzieren, wenn er den Test heute bestehen sollte. Wendt braucht circa 20 Minuten für die Fragen, dann hält Wietekind den Lösungsschlüssel an den Bogen. "Da hat er noch mal einen daneben", murmelt der Prüfer erst, dann erlöst er den Jungen: "Geschafft!" Wendt stöhnt, lacht, jubelt - und entschwindet "gleich ins Reisebüro".

Der Prüfer lächelt beim Abschied, nicht immer fällt die Begegnung so freundlich aus. "Hier knallen schon zuweilen die Türen", sagt er. Manche Durchfaller werden aggressiv, ja, auch bedroht sei er öfter worden. Sein Rezept: Beschwichtigen, lächeln, ignorieren. Der TÜV hat sich schon lange auf seine Kundschaft eingestellt. Russische Bögen liegen in der Ablage, türkische, polnische... Zwischen elf verschiedenen Sprachen kann man bei der theoretischen Prüfung wählen. "Doch oft hapert es schon beim Lesen." Über 38 Prozent der Prüflinge scheitern am Theorie-Test. Und dass, obwohl - je nach der Art der Frage - mindestens eine falsche Antwort erlaubt ist.

Prüfer Mönck hat beim TÜV bislang jeden Ansturm durchgestanden: Damals, in den 60er Jahren beispielsweise, als sich ein "enormer Nachholbedarf" bemerkbar machte und plötzlich "die ganzen Hausfrauen" die Fahrschulen stürmten. Auch später den Andrang aus dem Ostteil der Stadt, nachdem die Mauer gefallen war. Weil in den vergangenen Jahrzehnten der Verkehr "immer schlimmer" geworden sei, wurde der Führerschein vor allem immer teurer. "Unter 30 Stunden ist kaum noch was zu machen", sagt Mönck. Hinzu kommen zwölf Stunden Theorie (a 90 Minuten), die Autobahnfahrt, die Nachtfahrt und die Belastungsfahrt. "2500 bis 3000 Mark" koste den Durchschnittsschüler "seine Pappe", inzwischen eine Karte aus Plastik.

Mitfahren ist Dritten bei den Prüfungen verboten. "Nachher behaupten die Prüflinge, sie seien nur deshalb durchgefallen", heißt es beim TÜV. Also muss man sich an die Fahrschüler auf dem Parkplatz halten. Die weinend oder lachend aus den Wagen steigen. Oder die mit ihren Lehrern über den TÜV-Parkplatz kurven, um den letzten Schliff zu bekommen: Vorfahrt beachten, vorwärts in die Parkbucht, rückwärts in die Parkbucht. Um am Tag der Entscheidung den Patzer auf den ersten Metern zu vermeiden. "Nächsten Montag habe ich Prüfung", sagt eine Frau hinter dem Lenkrad. Ihr Blick wirkt gehetzt. "Mir ist jetzt schon ganz schlecht." Ihr Fahrlehrer winkt ab, in seiner Schule kämen acht von zehn Schülern durch. Und Mönck bestätigt: "Wir kennen unsere Pappenheimer." Wer sicher gehen wolle, nicht auf einen der Blender hereinzufallen, solle sich vom Fahrlehrerverband eine Schule empfehlen lassen.

Mönck kennt den Geruch der Angst. Schon der Händedruck der Fahrschüler fühle sich zuweilen an, "als wenn man in einen Schwamm greift". Hier auf dem Parkplatz wirkt der Prüfer gesprächig, humorvoll, anteilnehmend. Er hat sich damit abgefunden, dass ihn die Schüler zuweilen als das personifizierte Böse betrachten und seine freundlichen Worte auf stressverklebte Ohren treffen. "Ich habe Blut und Wasser geschwitzt", stöhnt auch Alexander Buder, 18, Lehrling, als er aus dem Wagen klettert. Zwei, drei Fragen kann er noch ernsthaft beantworten, dann bricht es aus dem jungen Mann heraus. "Jaaaa! Ich darf Auto fahren! Jaaaa! Ich darf Auto fahren!", singt er. Prüfer Fleischer sitzt da schon wieder im nächsten Wagen. Hinten rechts.

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