Ausstellung : Fahrradkultur auf Dänisch

Kopenhagen ist ein Paradies für Radfahrer. Eine Ausstellung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin zeigt, was wir von Dänemark lernen können.

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Die Stadtreinigung hat spezielle angeschrägte Mülleimer an den großen Wegen aufgestellt, um die Entsorgung zu erleichtern.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mikael Colville-Andersen
16.01.2012 18:00Die Stadtreinigung hat spezielle angeschrägte Mülleimer an den großen Wegen aufgestellt, um die Entsorgung zu erleichtern.

Die Dänen sind das glücklichste Volk der Welt, haben Forscher der Universität Leicester herausgefunden. Ob das auch am Fahrradfahren liegt? Die größte Breitensportkampagne des Landes heißt „Wir radeln zur Arbeit“. So auch Dänemarks neue Innen- und Wirtschaftsministerin Margrethe Vestager mit Helm und Christiania-Fahrrad: „Wir wollen Dänemark zum besten Fahrradland der Welt machen. Radfahren verbessert unsere Gesundheit, sorgt für saubere Städte und hilft uns, unsere Klimaziele zu erreichen. Daher investiere ich lieber in Fahrradwege als in Autobahnen.“ Nachzulesen ist dieses Statement in der Ausstellung „Eine Stadt fährt Rad – Kultur – Design – Stadtentwicklung – Beispiel Kopenhagen“, die die dänische Botschaft bis zum 29. Februar im Felleshus der Nordischen Botschaften, Rauchstraße 1, organisiert hat. Anlass der Ausstellung ist die dänische Ratspräsidentschaft in der EU, die einen deutlich grünen Stempel trägt. Neben einem verantwortlichen, einem dynamischen und einem sicheren Europa geht es den Dänen auch um ein grünes Europa im Hinblick auf Energieeffizienz und nachhaltiges Wachstum.
Bevor diese Begriffe im Schwange waren, hatte schon vor 50 Jahren die Stadt Kopenhagen begonnen, den Verkehr aus dem Stadtzentrum zu verdrängen. In der neuen Strategie 2011-2025 der Kopenhagener Stadtregierung nimmt das Fahrrad eine zentrale Stelle ein. Ziel ist es, dass 50 Prozent der Bürger zur Schule und zur Arbeit mit dem Rad fahren. Die Zahl der schwer verletzten Radfahrer konnte dank der Infrastrukturmaßnahmen seit 2005 um 50 Prozent reduziert werden. 80 Prozent der Radfahrer fühlen sich sicher im Verkehr. Ein Ziel ist es, so genannte Fahrradautobahnen für Pendler einzurichten, auch von speziellen Fahrradbrücken ist die Rede.
Dass das Fahrrad in Kopenhagen akzeptiert ist und als etwas völlig Normales gilt, zeigen die vielen Fotos: Der Geschäftsmann im Anzug, das knutschende Liebespaar mit zwei Fahrrädern, die praktischen Christiania-Räder, mit denen Lasten, Kinder und auch ganz offiziell die Post befördert werden. Ganz pfiffig sind die geplanten Grünphasen für Radfahrer bei einem Durchschnittstempo von 20 km/h. Durch Sensoren im Straßenbelag soll der nahende Radler erkannt werden und die Ampelschaltung beeinflussen. Dass das aber kein Freibrief für rücksichtslose Fahrradrowdys ist, zeigt ein anderes Projekt: die „Karma-Razzia“. An 50 markanten Punkten der Stadt setzt die Stadt so genannte „Karma-Spotter“, die kleine „Karma-Geschenke“ an rücksichtsvolle Radfahrer verteilen - das Vorbild wird öffentlich bestärkt und belohnt.

Auf den Fotos fallen die breiten Fahrradwege auf, auf denen wirklich guter Verkehr herrscht. „Ein Problem, auf das wir stolz sind: Fahrradstaus – statt Autostaus. Unfälle sind kaum ein Problem, eher das Tempo. Das müssen wir angehen“, wird Claus Juhl, Stadtrat von Kopenhagen, in der Ausstellung zitiert. Die Reinigungsbetriebe der Stadt haben an den großen Radwegen angeschrägte Papierkörbe aufgestellt, so dass der Radler en passant seinen Kaffeebecher oder seine Zeitung zielsicher entsorgen kann. Beeindruckend sind die Luftautomaten der Firma Veksö, die an zentralen Kreuzungen aufgestellt werden. Könnte doch auch für Berlin interessant werden? Ebenso der Fahrradzähler. Er misst an zentralen Verkehrsknotenpunkten sichtbar den Radverkehr und jeder vorbeifahrende Radfahrer sieht, dass er im wahrsten Sinn des Wortes zählt, dass sein Beitrag wichtig ist.

Die Dänen gehen in ihrer Fahrradpolitik nicht verbissen oder ideologisch vor, sondern überzeugen durch die Macht des Faktischen: „Entscheidend ist, dass die Stadt sich bemüht, den Anteil der Radfahrer zu erhöhen, und gleichzeitig die U-Bahn ausbaut… Radfahren sollte etwas Normales und Selbstverständliches sein, keine Nische“, wird Andreas Röhl vom Kopenhagener Fahrradsekretariat zitiert.

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