Die Spannung steigt : Was taugen Elektro-Räder?

Fahrräder mit elektrischem Zusatzantrieb boomen. Stefan Jacobs testete ein Modell des deutschen Traditionsherstellers Göricke.

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Testfahrer Stefan Jacobs
Testfahrer Stefan JacobsFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Dieses Geschäft brummt nicht nur im Wortsinn: Fahrräder mit elektrischer Motorunterstützung sind in weniger als zehn Jahren von fast null auf rund fünf Prozent Marktanteil durchgestartet. Fast jeder Fahrradladen hat "Pedelecs" – ein Kurzwort aus Pedal Electric – im Angebot, und beim Discounter gab’s schon welche für 699 Euro. Die meisten Modelle im Fachhandel kosten das Doppelte bis Vierfache.

Insofern markiert unser Testmodell "Capri" vom deutschen Traditionshersteller Göricke für 1799 Euro die Mittelklasse. Ein Alltagstest zeigt, ob die Investition lohnt. Ein Kasten unter dem Gepäckträger und die dicke Vorderradnabe mit dem Motor sind die augenfälligsten Besonderheiten des Stromers. Das sieht eleganter aus als die ebenfalls übliche Variante, den Akku an ein Rahmenrohr zu montieren, wo er dann klemmt wie eine Brotbüchse. Dank seitlicher Kabelbuchse kann der Akku zum Laden am Fahrrad bleiben. 78 Watt zieht er aus der Steckdose. Bei gut sechs Stunden Ladezeit bedeutet das Volltanken für zehn Cent. Und das soll reichen für die leichte Tour im Großstadtrevier?

Es geht gut los: Nach einer halben mühsamen Kurbeldrehung wird das deutlich über 20 Kilo schwere Rad ganz leichtfüßig. Untermalt von kaum wahrnehmbarem Brummen beschleunigt die Fuhre ruckfrei und flott, als ginge es bergab. Routinierte Radler erreichen dadurch schnell die 25 Stundenkilometer, bei denen der Motor abschaltet. Das gilt für alle Pedelecs, denn was schneller fährt oder ganz ohne Pedalkraft, bräuchte ein Versicherungskennzeichen.

Das "Capri" hat drei Unterstützungsstufen, die sich über ein Bedienteil am Lenker wählen lassen. Beim Beschleunigen
helfen alle, aber unterwegs wählt man dann doch die höchste: Stufe eins reicht kaum, um das arttypische Mehrgewicht auszugleichen, Stufe zwei schiebt
ein wenig, und Stufe drei fühlt sich an wie kräftiger Rückenwind. Den will schließlich jeder Radler haben. Laut Göricke reicht der Saft dann nur für maximal 35 Kilometer – aber in der Praxis schaffte der neue Akku mehr als 40.

Mit der schwächsten Stufe lässt sich die Reichweite etwa aufs Anderthalbfache verlängern, aber leider nicht die Lebensdauer des Akkus. Die gibt der Hersteller mit rund drei Jahren an – und ein neuer Speicher kostet 500 Euro. Andere Hersteller verlangen ähnliche Preise. Das schmerzt, aber das beginnende Zeitalter der Elektromobilität wird hoffentlich bald auch leichtere und stärkere Fahrradakkus als Nebenprodukt hervorbringen.

Nach einigen Tagen im Großstadtbetrieb mag man auf die unsichtbare Hand nicht mehr verzichten, die beim Beschleunigen und bei Steigungen so wunderbar schiebt. Auch fährt und bremst sich die schwere Fuhre kinderleicht – selbst bergab mit Tempo 50.

Dass aus der Sympathie trotzdem keine Liebe wird, liegt am Gewicht: Jede Keller- oder Bahnhofstreppe ist ein Kraftakt. Dass sich das dicke Sattelrohr mit den darin verlegten Kabeln kaum umfassen lässt, macht die Schlepperei noch mühsamer.

So bleibt als Fazit, dass das E-Bike den Aktionsradius von Unsportlichen oder Senioren vor allem im Stadtverkehr und in hügeligem Gelände stark erweitern kann. Und Anzugträger kommen nicht mehr dampfend im Büro an. Immer vorausgesetzt, sie müssen das Pedelec nicht anheben.

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