Fahrradstadt Berlin : Mehr Pfeifen aufs Rad!

Der Kurier, der Playboy, der Hedonist und das Blumenkind: Berlin ist die Hauptstadt der Radfahrer - trotz allem. Bekenntnisse eines Pedaleurs, der auch im Spätherbst nicht absteigt.

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Diesen Tretroller hat die Fahrradstaffel der Berliner Polizei in Mitte aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das sportliche Gefährt fährt mit Elektromotor - und zwar autonom mit einem Gaspedal. Dafür hätte der Fahrer eine Zulassung gebraucht.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Polizei Berlin
28.07.2017 10:51Diesen Tretroller hat die Fahrradstaffel der Berliner Polizei in Mitte aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das sportliche Gefährt...

Radfahrer, die bei Rot über eine Kreuzung fahren, sehen schrecklich unästhetisch aus. Dieses nervöse Hasten, diese Sekundengeilheit, die Zielversessenheit, das opportunistische Kopfwenden, ob denn die Polizei ... Nein, danke, zu diesem Regelverletzungsverein, diesem windigen Leichtmatrosenklub möchte ich nicht gehören. Ich bleibe stehen! Halten für Berlin! Grün! Los!

Würden die Menschen nicht immer auf den letzten Pfiff aus dem Haus eilen, bliebe der Welt manches Unglück erspart. Ich bin Radfahrer! Sage Nein zu Autos! Sage Ja zum Tretpedal, denn der wahre urbane Flaneur des 21. Jahrhunderts ist Radfahrer. Wer Berlin nur in seinem Vierrad-Kerker durchmisst, hat keinen Schimmer. Kann man die Stadt vom Auto aus riechen? Kann man das Leuchten des Herbstes genießen? Kann man während des Fahrens ein trudelndes Blatt fangen? Kann man Kontaktfäden spinnen? Selbstbestimmung ist ein Fremdwort für die Gaspedalisten – und jetzt kein Wort mehr über sie.

Aufs Rad! Vor zwanzig Jahren fuhr ich, wann immer es ging, freihändig durch die Stadt. Ich sei, erzählte ich einem Halt gebietenden Polizisten in der Kreuzberger Körtestraße, ostfriesischer Meister im Freihandradfahren, sei es gewohnt, steile Deiche ohne lenkende Hand zu erklimmen, deshalb müsse er sich keine Sorgen ..., er mache sich keine Sorgen, er verwarne mich jetzt! Ich tat Buße! Fuhr weiter, jahrein, jahraus, sommers wie winters. Einmal suchte ich an der Sonnenallee vor einem Platzregen Zuflucht unter dem Dach einer Tankstelle. Bläuliches AralLicht, Benzinduft, Bierholer, samstägliche Partygänger. Fast Mitternacht. Da kam sie. Schweres, schwarzes Hollandrad, Mandelaugen, suchte Zuflucht und eine Montagehand. Die Kette! Ich gab mein Bestes, sie holte ein Bier. Eine Flasche! Sie trank und ließ mich trinken, fasste meine schwarzen Ölhände, gab mir einen Kuss und fuhr durch den Regen davon.

Manchmal liebe ich Kopfsteinpflaster und möchte erschüttert werden. Dann fahre ich nach Zehlendorf, lasse mich in der Kleist-, Schiller- oder Goethestraße durchschütteln und fahre völlig befriedet wieder nach Hause. Auch der Fall der Mauer bescherte mir das ein oder andere Fahrradabenteuer, das mich erbeben ließ. Eines frühen Sommerabends, die Sonne öffnete gerade Prosecco-Flaschen, fahre ich die Yorckstraße entlang. Komme an die Kulmer Straße, halte an einer Ampel. Bei Grün fahre ich los, sehe zwar den orangen Trabbi von rechts, denke aber, er hält. Ob mich der Fahrer für einen Grenzer mit Maschinenpistole hält? Wie in Zeitlupe stoßen wir zusammen. Ich rutsche hinunter, liege auf dem Asphalt. Zwei sehr junge Männer steigen aus. Sie jammern, entschuldigen sich, wollen mich hochziehen. O, der Himmel so blau, die Sonne so beschwipst! "Er hat ihn doch erst seit einer Woche!", jammert der eine. Wen? Den Wagen? Den Führerschein? Ich bin noch so benommen von der Wiedervereinigung, dass ich die beiden mit tränenfeuchten Augen laufen lasse. Erst Tage später meldet sich ein leichter Nackenschmerz. Schleudertrauma. Dem Rad ist nichts passiert.

Und dann war da noch das Jahr, in dem ich mich in Jan Ullrich verwandelte. Nachdem die olle Pausbacke die Tour de France gewonnen hatte, wurde für mich jede Fahrt zur Tour-Etappe. Ich fuhr die tollsten Rennen, nahm es als tapsiger Hollandradfahrer (drei Gänge) mit hochtourigen Renngazellen auf. War mein eigener Kommentator, mein Begleitfahrzeug, mein Antipode, mein Hubschrauber, mein gelbes Trikot. Kam ich verschwitzt nach Hause, gab ich mir links und rechts einen Kuss und legte mir ein Lorbeerblatt auf den Kopf. So war das in diesem Sommer. Auch schon mal Hand in Hand durch die Stadt geradelt? Die schrecklichsten Straßen spucken dann Euphorie. Ja, es gibt Straßen, die kann man eigentlich nur in größter Verliebtheit passieren, anders überlebt man sie nicht. Etwa die Putlitzbrücke, auf der man mörderische Gleise überquert, wo es schreckliche Verkehrsunfälle gibt und die Stadt so aussieht, als würde jeden Tag ein Mordopfer oder ein Selbstmörder hier aus dem Wasser gezogen oder in einem Container gefunden. "Tatort"-Revier! Gäbe es mehr Kommissare auf dem Rad, hätten es die Verbrecher schwerer.

Und die Fahrraddiebe? Die auch? Nachdem wir den neorealistischen Film „Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica im alten Arsenal in der Welserstraße gesehen hatten, wollten wir im Bild-, Bier- und Lebensrausch auch ein Fahrrad stehlen (und es zurückgeben!). Aber das Einzige, was kaputtging, waren zwei Fingernägel. Wann immer Sie können, schauen Sie sich diesen Film an, fahren Sie mit dem Rad zum Kino, nehmen Sie jemanden auf dem Gepäckträger oder der Stange mit und versuchen Sie, den Rhythmus der Bilder im Herzen davonzutragen.

Alles gut in Fahrrad-Berlin? Nein, es gibt auch traurige Geschichten - Welche, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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