Fahrrad : Treten mit Stil

Auf der Berliner Fahrrad-Schau am Gleisdreieck trifft sich die „Bike High Society“ – oder so ähnlich

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So radelt Neukölln. Die Modelle „Single Speed Mountainbike“ und „Porteur“. Foto: Q Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP
So radelt Neukölln. Die Modelle „Single Speed Mountainbike“ und „Porteur“. Foto: QFoto: Kai-Uwe Heinrich TSP

Hallo, all ihr Hosenklammerträger und Lycra-Rennhosen-Freaks da draußen. Was ihr da anhabt, geht diesen Frühling gar nicht mehr. Und überhaupt – einfach aufs Rad geschwungen und ohne überzeugendes ästhetisch-technisches Gesamtkonzept mal eben ins Büro oder zur Umweltdemo geradelt, ist sowas von out. Radfahren ist jetzt nämlich Lifestyle – besonders urbanes Radeln hier in Berlin – und da muss man sich schon mal ein bisschen mehr als nur abstrampeln.

Nicht ganz uneigennützige Hilfestellung beim „Radeln mit Stil“ geben die Macher der zweiten „Berliner FahrradSchau“, die dieses Wochenende in der Station am Gleisdreieck in Kreuzberg – noch vor der Veloberlin am letzten Märzwochenende unterm Funkturm – die Zweiradsaison einklingelt. Da präsentieren sich im ehemaligen Postbahnhof, wo am Eingang unterm Backsteinbogen noch der Goldflitter der sonst hier stattfindenden Modemesse Premium glimmert, rund 100 Hersteller von Fahrrädern und Zubehör, die „Bike High Society“. Vom „Papabike“, das der Hersteller Electra dem Papst bei seinem anstehenden Berlin-Besuch verehren will, über Elektrobikes und Klappräder, bis zu bequemen Cruisern im Retrostil, Rennrädern und BMX-Rädern ist alles dabei. Nur „junge, innovative, kleine Hersteller mit hochwertigem Fahrradkonzept“, wie Ingo Röhm, der Velociped-Spezialist der Schau, beteuert. Gleich am Eingang gibt es viel fachsimpelndes Besuchergetuschel vor zwei an der Wand aufgehängten schnittigen Prototypen aus Holz und Kohlefaser. Die liegen dann eher so im Bereich 15 000 Euro aufwärts, aber Räder für 400 Euro sind auch dabei. Oder die drei von 1400 bis 2200 Euro teuren, sportiven bis gemütlichen Modelle einer Neuköllner Fahrradfirma, die die eleganten Dinger alle aus einem Rahmen baut.

Gut dabei aussehen und Funktionalität seien beim urbanen Radeln wichtig, sagt Ingo Röhm. Weg mit der ollen gelben Öljacke, her mit der Fahrradmode genannt „Velo Couture“. Das sind Fahrradhelme, die aussehen wie Hüte oder Wollmützen oder auf den ersten Blick ganz unscheinbare Blue Jeans. Schwupp, rollt Röhm das Hosenbein hoch und zeigt den an der Unterseite blinkenden Reflektor. Und hier im Schritt – keine zwickende Naht, dafür ein Abnäher am Knie, der dem Stoff Spielraum beim Treten lässt.

„Brauch’ ich alles nicht“, sagt Helma Bauch aus Zehlendorf, die neue Sättel für ihre drei Räder sucht. Radfahren sei was Dolles, aber für sie „kein Prestigeobjekt“. Das sieht ein Ehepaar aus Lichtenrade anders: „Klar ist Rad fahren Lifestyle, deswegen fahren wir Räder im Retrostil.“ Und zwei junge Karnevalsflüchtlinge aus Köln finden schlicht: „Ist hier geiler als im Museum, Mountainbikes, Musik und so.“ Die BMX-Jungs mit ihren Tattoos, Basecaps, Ohrknöpfen sammeln sich rund um die DJ-beschallten Halfpipe-Shows.

„Wir wollen weg vom Ökoradler-Image“, sagt Fahrradmechaniker Ingo Röhm, dem „die ganze Politik“ rund um die Drahteselvermarktung gewaltig auf die Ketten geht. Und dass, wo die gute alte ölige Fahrradkette ausdient. Bei seiner Fahrradschau sind stylishe, saubere, unkaputtbare Riemenantriebe aus Kohlefaser der letzte Schrei. Gunda Bartels

Station Berlin, Luckenwalder Straße 4-6, Kreuzberg, So 12-18 Uhr, 5 Euro

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