Fahrradkurier : Kleinlaster mit Muskelantrieb

Der preisgekrönte Cargo-Cruiser ist der Lkw unter Berlins Kurierfahrrädern. 250 Kilo lassen sich damit auf einmal befördern.

Werner Kurzlechner
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Ökologische Innovation: Bernd Hoppe und der Cargo-Cruiser. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Klar hält sich Bernd Hoppe fit – das geht in seinem Job als Fahrradkurier ja gar nicht anders. In seiner Freizeit macht der 50-Jährige auch mal einen Triathlon mit, kürzlich lief er den Halbmarathon. Ausdauer und muskulöse Oberschenkel für stundenlanges Pedaletreten sind Hoppes Grundkapital. Erst vor kurzem aber hat er damit begonnen, Hanteln zu stemmen. Und dafür ist vor allem der „Cargo-Cruiser“ verantwortlich, das Prunkstück in der Fahrradflotte der Transportfirma Messenger in Mitte. Eine silbergrau lackierte Mischung aus Rikscha auf drei Rädern und Kleinlaster. 250 Kilo lassen sich im Cruiser auf einmal befördern. Weil er diese Lasten ständig ein- und ausladen muss, braucht Bernd Hoppe mehr Kraft in den Armen als früher. Und deshalb wuchtet er jetzt auch Gewichte.

Wenn Hoppe mit dem Cruiser vom Firmengelände an der Obentrautstraße in Kreuzberg radelt und beispielsweise Kindergärten mit Essen und Hotels mit sauberer Wäsche versorgt, geht er mit einem echten Unikat auf Tour. Eine Sonderanfertigung mit verstärktem Rahmen auf drei Motorradreifen, in deren Laderaum sechs volle Umzugskartons passen. Oder eine Europalette, wie sie bei Messenger sagen.

Bernd Hoppe erzählt die Geschichte dazu: Ein Luxushotel hatte vor einiger Zeit für einen größeren Transport einen Kombi bestellt, doch kurzerhand übernahm Hoppe mit seinem Mammutrad die Fahrt. „Die haben nicht schlecht gestaunt, als ich an der Laderampe vorfuhr“, berichtet der Kurier. Tatsächlich gelang es, alles zu verstauen – nur die Europalette blieb zurück. „Die hätte auch noch reingepasst“, meint Hoppes Kollege Dirk Brauer.

Brauer nimmt seinen Radhelm auch nicht ab, als er ausführlich erklärt, warum es den Cruiser überhaupt gibt. Vor vielen Jahren war da nur die Überzeugung, dass man per Pedale wesentlich mehr erledigen könne als gemeinhin angenommen. Dirk Brauer begann zu tüfteln und montierte eine alte Gartentruhe aus der DDR ans Rad. So sah das älteste der Modelle aus, mit deren Hilfe der 45-Jährige die technische Entwicklung zeigt. Die nächste Stufe bestand aus einem Träger mit Sackplane am Hinterrad, mit dem sich 20 Kilo kutschieren ließen. Heute im Einsatz sind vorwiegend sogenannte Bullits, bei denen die für 80 Kilo gerüstete Transportkiste vor dem Sattel befestigt ist. Angenehm für die Kuriere, denn vorne lässt sich die Last besser kontrollieren als mit Anhänger.

Mehr Annehmlichkeiten hat nur noch der Cruiser zu bieten. Hoppe und seine Kollegen sitzen in einem überdachten Cockpit. Beim Treten unterstützt sie ein Elektromotor. Der Strom kommt von den auf die Karosse montierten Solarzellen; außerdem werden die Bremskräfte in Energie umgewandelt. „Wenn der Cruiser einmal in Schwung ist, kann fast jeder damit fahren“, sagt Messenger-Geschäftsführer Achim Beier. Richtig anstrengend seien hingegen Anfahrten und Anstiege.

Kürzlich war Beier bei Bundespräsident Horst Köhler eingeladen, weil der Cargo-Cruiser von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ als eine der umweltfreundlichsten Innovationen des Jahres ausgezeichnet wurde. „Wir leisten einen aktiven Beitrag, um in der Umweltzone die Schadstoffbelastung zu senken“, sagt Beier. „Eine echte Alternative zum Auto“, meint die Ideeninitiative.

Damit die sich auch auf dem Markt durchsetzt, tüftelt der Hersteller bereits an einer neuen Version des Cruisers. Beispielsweise könnte die Federung besser sein als beim Prototyp, so Kurier Hoppe.Werner Kurzlechner

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