Fahrschule : Berliner Irrfahrt

Immer wieder höchste Schadensklasse: Die hauptstädtischen Autofahrer fallen dadurch auf, dass sie gar nicht Auto fahren können. Fahrlehrer Bungs ahnt, warum das so ist.

Nadja Klinger
Richtungweisend. Die Jugend hat das Auto schnell im Griff. Aber auch sich selbst? Fahrlehrer Joachim Bungs sagt: „Autofahren ist Sozialverhalten.“
Richtungweisend. Die Jugend hat das Auto schnell im Griff. Aber auch sich selbst? Fahrlehrer Joachim Bungs sagt: „Autofahren ist...Foto: David von Becker

Die Frau neben Bungs rackert. Strapaziert Lenkrad und Pedale, um in eine Parklücke zu kommen. „Der da kann warten“, sagt Bungs, „der hat Geduld.“ Aber der da wartet nicht. Er hupt und hupt und rollt heran. Die Frau sieht das Auto im Rückspiegel größer werden. „Was heute der Audi ist, war in den 60ern der BMW“, sagt Bungs: „Bedrängen. Meckern. Weiterrasen.“

Die flotten Sprüche, die er macht, hat er unterwegs gefunden. Sie haben seine Fahrbahn gekreuzt, sie haben ihn überholt und geschnitten, sie haben ihm die Vorfahrt genommen. Bungs ist Fahrlehrer. Er holt ein Plastikauto aus dem Handschuhfach, erklärt die Lenkung im Rückwärtsgang. Es ist mal wieder ein schöner Tag. Der Audi jault auf, drängt am Fahrschulauto vorbei, rast davon. „Na klar“, sagt Bungs, „der hat’n Spoiler.“

Berlins Autofahrer fallen dadurch auf, dass sie gar nicht Auto fahren können. Im Regionalklassenranking für Kfz-Versicherungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft haben sie auch 2010 ihren Platz in der teuersten Schadensklasse behauptet und viele Autobesitzer, die dieser Tage ihre Kfz-Versicherungsrechnung auseinanderfalten, blicken auf gestiegene Beiträge. Es werden viele teure Unfälle gemacht in diesem großen, breiten Berlin, mit seinen langen, geraden, mehrspurigen Straßen, auf denen viele schnell fahren, wild und risikoreich.

Und es ist nicht nur das. Schon vor Jahren kam es Joachim Bungs seltsam vor, dass die Anzahl bestandener Fahrprüfungen in der Stadt schlagartig stieg. Er ist im Fahrlehrerverband. Die Kollegen dort waren genauso misstrauisch wie er. Sie lancierten die Bedenken an die Prüfstellenleitung. Es geschah nichts. Der Verband ließ nicht locker, bis die Stadt eine Arbeitsgruppe gründete, die fortan Berliner Führerscheinbesitzer prüfte.

Von knapp 3700 Autofahrern, die dabei beweisen sollten, dass sie Verkehrsregeln kennen und ihr Fahrzeug beherrschen, haben gut 2150 versagt beziehungsweise den Führerschein gleich freiwillig abgegeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Summen werden genannt. Für 1500 bis 2000 Euro sei das Zertifikat über eine bestandene Fahrprüfung zu haben, so viel kostet in etwa auch ein vorschriftsmäßiger Führerschein, aber der dauert – manchen zu lange. Von einem Netzwerk aus Mittelsmännern, bestechlichen Fahrlehrern und Prüfern ist die Rede. Auch wenn Verkehrssünder medizinisch-psychologische Gutachten brauchen, ist auf die Clique Verlass.

Bereits vor zwei Jahren wurde in Niedersachsen gegen Fahrlehrer, Prüfer, einen Optiker und einen Mann von der Ersten Hilfe ermittelt, weil rund 50 Fußballprofis Führerscheine gekauft haben sollen. Der damalige Bremer Spieler Diego hat Berichten zufolge zumindest gefragt, ob es gar nicht notwendig sei, Unterricht in Theorie und Praxis zu nehmen. Notwendig wären nur 2900 Euro in bar, soll man ihm geantwortet haben. Die Sache sah nach Promiservice aus. In Berlin scheint sie etwas für Jedermann zu sein. So der Verdacht.

Berliner, die Autofahren lernen wollen, reißen mit Schwung die gläserne Tür an der Leibnizstraße auf und treten ein. Oder sie schieben sich zwischen Tür und Angel in die Fahrschule. Sie stellen sich so dicht vor den Schreibtisch, dass sie in den Kalender sehen können. Und während Marion Bungs nach freien Terminen sucht, greifen sie mehrmals in die Bonbonschale. Oder sie streifen die Bonbonschale nur mit Blicken. Manch einer nickt devot, als trüge Frau Bungs nicht farbenfreudige Blusen sondern einen weißen Kittel. Als würde sie Zahnarzttermine verteilen. „Daran, wie einer hier reinkommt“, sagt ihr Mann Joachim, „sehe ich, wie er Auto fahren wird.“

Die „Fahrschule Bungs“ in Charlottenburg ist die älteste Berlins. Vater Bungs gründete sie 1928. Er hängte in einer Weinstube Plakate auf, bestellte vier Schoppen, für jeden Schüler einen. Das war der theoretische Unterricht. Wer gut schrauben konnte und bei der Prüfungsfahrt nicht auf der Strecke blieb, bestand. Seit 1932 unterrichtete Vater Bungs im Erkerzimmer seiner Wohnung. Leibnizstraße 21, erster Stock. 1934 trat die Straßenverkehrsordnung in Kraft. 1941 kam Sohn Joachim hier zur Welt. Berlin war zerbombt, als der Junge ins Geschäft einstieg, indem er an der Wohnungstür Schülern aus den Jacken half. Der Vater gab im Kübelwagen Fahrstunden. Manchmal stand er mit dem Sohn am Erkerfenster. Sie blickten auf ein Auto, das im Lichtkegel einer Laterne an der Leibnizstraße parkte. Stieg jemand ein, sagte der Vater: „Den kenne ich, der ist ein netter Mann. Aber wenn er losfährt, lässt er seinen Charakter unter der Laterne.“ Was er damit meinte, erfuhr Joachim Bungs erst Jahre später.

Er wurde Dreher, arbeitete in dunklen Werkshallen. Am Feierabend saß er im Beiwagen des Motorrads, auf dem der Vater unterrichtete. Als Gewicht. Er saß dort auch, als die fesche, dunkelhaarige Marion, Spross einer Obst- und Gemüsehändlerdynastie, Motorradfahren lernte. Einmal war er mit ihr allein unterwegs. Mitten auf der Kreuzung ging die Maschine aus. Sie versuchte, das schwere Gefährt mitsamt Beiwagengewicht in Schwung zu bringen. „Mutter, mach hinne!“, rief der Polizist, der den Verkehr regelte. Bungs duckte sich in den Beiwagen bis der Motor wieder knatterte. Doch Marion fuhr nicht. „Eins kann ick Ihnen sagen“, schrie sie: „Mutter will ick erst noch werden!“ 1964 haben sie geheiratet.

Im Jahr darauf wurde er Fahrlehrer. Seine Frau erledigte fortan in der Fahrschule das Organisatorische. Es war die Zeit, da mit dem Satz „Mein Freund hat ein Auto“ Liebesbeziehungen hinreichend begründet waren. Bungs ließ Einparken üben in einer Stadt, die ein einziger freier Parkplatz war. Er war unterwegs, als die Autos luxuriöser und sportlicher wurden und die Deutschen sich die Meinung zulegten, dass, wer viel Geld ausgegeben hat, freie Fahrt haben sollte. Er erlebte, wie das Auto zum Gebrauchsgegenstand wurde. Wie der Respekt vorm Auto sank.

In den Wohlstandsjahren kam die Angewohnheit auf, 18-Jährigen das Geld für den Führerschein zu schenken. Die Jugend beherrschte das Fahrzeug schnell. Aber was wusste sie über eigene Fähigkeiten? Darüber, wie man negative Eigenschaften zurückhält? Bungs, der sich bislang für Technik und Regeln zuständig gefühlt hatte, erweiterte das Ausbildungsprogramm. „Autofahren ist Sozialverhalten“, sagt er.

Eine seiner Schülerinnen ist Blumenbinderin. Hat einen eigenen Laden und nach 17 Jahren den Ehemann rausgeschmissen. Sie will nun selbst fahren. Sie ist 35, unter jenen, mit denen Bungs durch die Stadt kurvt, eine Alte. „Lass die Arme fliegen!“, ruft er in der Kurve. „Lenken ist gut gegen Orangenhaut!“ Die Frau winkt Leuten zu, die bei ihr einkaufen, entdeckt das Haus eines Stammkunden, niedliche Hunde, komische Werbeplakate, freut sich über Fassadenfarben. Immer wieder nimmt das Handy in der Tasche Blumenbestellungen per SMS entgegen. „Du bist irre hellwach“, sagt Bungs, der die Anreden so beliebig wechselt wie andere die Fahrspur, „aber zum Fahren müssen Sie erwachsen werden.“

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