Berlin : Fahrtüchtig und benebelt?

Weinhandlung und Fahrschule unter einem Dach, Frisör und Patisserie in einem Laden: Das Gewerbeamt erlaubt’s

Steffi Bey

Es gibt nur einen Eingang, denn es ist nur ein Geschäft. Wenn auch eines mit sehr unterschiedlichen Angeboten. Der 42-jährige Andreas Wittwer betreibt die Fahrschule „Murmel“, während sein 37-jährige Bruder die Weinhandlung „Geistreich und benebelt“ führt – beide unter einem Dach, beide hinter einer Tür. Anfang des Jahres erhielten sie vom Gewerbeamt Friedrichshain-Kreuzberg die Genehmigung – ohne Probleme und besondere Auflagen.

Die Kunden sind von der eigenwilligen Zusammenstellung amüsiert. Wer seinen Führerschein machen möchte, erhält vor Unterrichtsbeginn eine klare Einweisung: „Alkohol am Steuer ist auch bei uns tabu.“

Andreas arbeitete seit Anfang der neunziger Jahre in einer Fahrschule, Mathias ist studierter Hochfrequenztechniker – beide sind leidenschaftliche Weintrinker. Inzwischen ist für den Jüngeren das Hobby zum Beruf geworden. Er besucht nicht nur weltweit Seminare, sondern auch Weinhändler und Weingüter. Und demnächst will er auch noch eine Ausbildung zum Fahrlehrer beginnen. „Damit wir uns gegenseitig ersetzen können“, erklärt Andreas Wittwer. Er traut sich schon jetzt manchmal eine Vertretung in der Weinhandlung zu.

Für den Leiter des Friedrichshain-Kreuzberger Wirtschaftsamtes, Joachim Wittig, sind solche Gemeinschaftsgeschäfte nichts Ungewöhnliches: „Wir waren schon in Kreuzberg einiges gewöhnt“, sagt er, seit der Fusion mit dem Nachbarbezirk wurden die Ideen aber noch vielfältiger. Die gemischten Gewerbeanmeldungen seien ein neuer Trend. Genau das wollten die Kunden, ist er überzeugt: Beim Friseur beispielsweise nicht nur die Haare geschnitten bekommen, sondern auch etwas essen und trinken. Diesen Service bieten seit zwei Jahren Katja Barcellos und Eric Muller in der Görlitzer Straße in Kreuzberg an. Mit ihrem „Salon Sucré“ haben sie offensichtlich den Nerv vieler Kunden getroffen. „Es kommen mehr als früher, als ich nur ein Frisörgeschäft hatte“, berichtet die aus Brasilien stammende Katja. Jetzt kann man in der Patisserie die Erics Süßigkeiten schlemmen und sich anschließend eine Dauerwelle drehen lassen. „Manche nutzen ihre Mittagspause für beides“, sagt die Frisörin. Salon und Konditorei sind durch eine gläserne Schiebetür getrennt.

Joachim Wittig sieht keinerlei Probleme bei der Genehmigung von Gewerbezusammenschlüssen: „Wir können über alles reden und finden immer eine Lösung“, sagt er unternehmerfreundlich. Etwa wenn eine Eisdiele und ein Möbelgeschäft zusammen eröffnet werden sollen – das lösbare Problem hier: Eis darf länger verkauft werden als Schränke und Tische. „Kauf Dich glücklich“ heißt dieser Laden, den vor einem Jahr Andrea Dahmen und Christoph Munier an der Oderbergerstraße eröffnet haben. Mittlerweile gibt es viele junge Stammkunden, die es schick finden, auf Möbeln ihr Eis zu schlecken, die vielleicht schon ein paar Stunden später verkauft sind. Jemand soll sich kürzlich allerdings beschwert haben, weil sein Lieblingssofa verschwunden war. Das entscheidende aber ist, „dass die Leute keine Hemmung haben, das Geschäft zu betreten“.

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