Berlin : Fair statt fies im Internet

Ein Anti-Mobbing-Programm wird jetzt bundesweit angeboten. Berliner Schulen haben es schon getestet

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Angst vor Stärkeren, die gleich zuschlagen oder vor fast alltäglichen Schikanen, weil man ein wenig anders ist als die anderen – Rüdiger Grube weiß genau, wovon die Siebt- und Achtklässler an der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Schule im Prenzlauer Berg reden. Auch ein Bahnchef war schließlich einmal Schüler: „Ich bin auf eine Hauptschule gegangen, ich kenne Mobbing und Gewalt“, sagt Grube.

Aber nicht deshalb unterstütze die Deutsche Bahn AG das Anti-Mobbing-Programm „Fairplayer.manual“, das ab sofort in ganz Deutschland angeboten wird. „Wir transportieren jeden Tag 7,5 Millionen Menschen, da ist ein faires Miteinander wichtig“, sagt Grube, so sei die siebenstellige Summe eine Zukunftsinvestition.

Deshalb ist Grube an diesem Freitag mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und „Fairplayer-Erfinder“ Herbert Scheithauer von der Freien Universität (FU) an das Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium gekommen. Es gehört zu zahlreichen Schulen in Berlin und Bremen, an denen das Fairplayer-Programm bereits läuft. Mit Erfolg.

„Wir sind problembewusster geworden“, sagt eine dreizehnjährige Schülerin: „So stellte sich heraus, dass auch Leute von uns die Mobbing-Webseite ,Isharegossip‘ nutzten. Es war super, dass wir darüber reden konnten und merkten, wie fies es ist, über andere zu lästern oder schlimme Gerüchte zu verbreiten.“

Auch Lehrerin Kerstin Funke hat eigentlich erst während der Fairplayer-Stunden von ihren Schülern erfahren, welches Ausmaß das sogenannte Cyber-Mobbing inzwischen hat. Da wird über die „hässlichste Schülerin“ oder die größte Schlampe“ abgestimmt, da werden diskriminierende Bilder veröffentlicht oder Gerüchte über angeblich „abartige Sexpraktiken“ von  Lehrern oder Schülern verbreitet.

Wie man sich gegen Cyber-Mobbing wehren kann, gehört zu den Schwerpunkten des Fairplayer-Präventionsprogramms, das bis zu einem halben Jahr lang wie ein reguläres Unterrichtsfach in 7., 8. und 9.Klassen angeboten wird. Anfangs stelle man mit den Schülern ein paar Regeln auf, sagt Kirsten Zimmermann, die zum Fairplayer-Team der FU gehört. Beispielsweise den anderen ausreden zu lassen oder sich nicht gegenseitig zu verletzen, weder körperlich noch verbal. In Rollenspielen vollziehen die 12- bis 14-Jährigen eben nicht nur die klassische Täter- und Opferperspektive nach, sondern beispielsweise auch die Sicht der „potenziellen Helfer“, der „heimlichen Applaudierer“ oder der „Wegschauer“. Egal, ob das Programm von Teamern oder vorher eigens geschulten Lehrern durchgeführt werde – es bedeute auf jeden Fall Zeit füreinander, sagt Kirsten Zimmermann: „Und man bekommt keine Noten wie etwa in Ethik– deshalb sind die Schüler entspannt und sehr offen.“

Jeder zehnte Jugendliche ist Untersuchungen zufolge mindestens einmal in der Woche Opfer von Mobbing. Auch deshalb ist Fairplayer-Erfinder Scheithauer der Ansicht, dass man bei der Prävention alle einbeziehen muss – bevor sie als „Täter“ oder „Opfer“ stigmatisiert sind.

An der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Schule ist man über das Präventionsprogramm jedenfalls des Lobes voll, auch wenn gestern wegen des „hohen Besuchs“ und den damit verbundenen Sicherheitsbestimmungen einige Klassen ihren Wandertag nehmen mussten. Gegen einen direkt vor der Schulausfahrt parkenden Paketdiensttransporter konnten aber auch die Sicherheitskräfte nichts ausrichten. War es Mobbing? Jedenfalls konnte Bahnchef Grube die Schule nicht pünktlich verlassen. Er blieb aber fair.

Mehr Infos für interessierte Schulen

im Internet unter www.fairplayer.de

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