Fall Marco W. : „Deutschland würde genauso handeln wie wir“

Berliner Türken finden die Kritik an den Haftbedingungen des Schülers Marco W. überheblich – und verweisen auf vergleichbare Fälle in der Bundesrepublik.

Ferda Ataman

Seit einer Woche diskutiert Deutschland über den in Antalya inhaftierten deutsche Schüler Marco W., jetzt kontern türkische Vertreter und die türkischen Zeitungen in Berlin und Deutschland. „Für 76 Türken sind deutsche Gefängnisse zum Grab geworden“, titelte gestern die Zeitung „Zaman“ auf Seite eins. Der Bericht über türkische Staatsbürger, die seit 1988 im Strafvollzug oder in Untersuchungshaft umgekommen seien, wettert zugleich gegen die „Verunglimpfung türkischer Gefängnisse in den deutschen Medien“. So heißt es in der betont seriösen Zeitung: „Auch deutsche Gefängnisse stehen nicht besonders gut da, wenn man die nach außen dringenden Beschwerden und Todesfälle beachtet.“

Den Anruf von Außenminister Steinmeier, der seinen türkischen Amtskollegen Gül aufforderte, Marco W. freizulassen, finden auch Sprecher der türkischen Community in Berlin empörend. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, akzeptiert die Anfrage an den türkischen Politiker nicht: „Es kann nicht sein, dass in einem Rechtsstaat der türkische Außenminister oder der türkische Justizminister eine Gerichtsentscheidung einfach ändert.“

Unter dem Titel „Selims Geschichte ist schlimmer als Marcos“ berichtet das konservative Massenblatt „Hürriyet“ am Freitag über einen türkischstämmigen Jugendlichen aus Berlin, dessen Fall „weitaus schlimmer“ sei als der von Marco W. Der Berliner habe in der 7. Klasse eine deutsche Schulkameradin küssen wollen und ihr an die Brust gefasst. Nachdem sie ihn deswegen angezeigt habe, sei Selim Ü. von der Schule geflogen. Der 19-Jährige habe bis heute keinen Schulabschluss gemacht.

Die türkischen Zeitungen machen keinen Hehl daraus, dass sie die deutsche Kritik am Umgang mit Marco W. überheblich finden. „Was wäre, wenn das Mädchen eine Deutsche wäre?“, fragte das Massenblatt „Hürriyet“ bereits Mitte der Woche. Die liberale Zeitung „Milliyet“ meint zu wissen, was dann wäre: „Deutschland würde genauso handeln wie wir.“ Die Deutschland-Ausgaben der türkischen Zeitungen widmen sich seit Tagen ausführlich dem Thema, bisher wurden täglich Titelgeschichten aus den Zentralen in der Türkei übernommen. Erst am gestrigen Freitag aber sind in den Zeitungen auch Reaktionen von Türken aus Berlin und Deutschland zu finden.

Die „Hürriyet“-Ausgaben in Deutschland und in der Türkei kritisieren eine „Kampagne deutscher Medien“ und „üble Nachrede“. Insbesondere die „Bild“-Zeitung wird kritisiert, weil sie schreibt, dass „Menschenrechte in türkischen Gefängnissen mit den Füßen getreten“ würden. „Strafvollzugsanstalten sind überall auf der Welt kalt und abschreckend“, konstatiert Ahmet Külahci, der Leiter des Berliner „Hürriyet“-Büros, in einem Kommentar. „Die Gefängnisse in Tegel und Moabit sind auch nicht anders als das in Antalya“, schreibt er.

„Die deutschen Medien campen regelrecht vor dem Gefängnis von Antalya“, beklagt das Boulevardblatt „Hürriyet“ das Medieninteresse der Deutschen vor Ort. Die Zeitung zitiert Generalstaatsanwalt Osman Vuraloglu, das „vor allem die deutschen Journalisten“ eine „Türkei-feindliche Berichterstattung“ betreiben würden. Neben der „üblen Nachrede“ über türkische Gefängnisse kritisieren türkische Medien den „offensichtlichen Versuch der deutschen Medien“, sich in die Angelegenheit der Justiz in der Türkei „einzumischen“.

Am gestrigen Freitag reagierte auch die „Hürriyet“ auf die Frage der Rechtsprechung, indem sie Ali Suat Ertosun zu Wort kommen lässt, ein Mitglied des Obersten Berufungsgerichts in Ankara. „Soll die Türkei etwa in die osmanische Rechtsprechung zurückfallen, bei der für Christen andere Rechte angewandt wurden?“, fragt er vorwurfsvoll. „Wir sind doch keine deutsche Kolonie. Unsere Rechtsbehörden sind unabhängig“, so Ertosun.

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