Fall Marco W. : "Ihr seid nicht mehr sicher"

Die türkische Botschaft in Berlin wird mit Beschwerdebriefen wegen des Falls Marco W. überschwemmt, die oft über das Zumutbare hinausschießen.

Suzan Gülfirat

BerlinDie türkische Botschaft in Berlin bekommt im Moment offenbar besonders heftig zu spüren, wie weit die Solidarität mit dem in der Türkei inhaftierten Marco W. geht. Am Sonnabend erschien in der Tageszeitung "Zaman“ ein Artikel, in dem ein Sprecher der Botschaft sich über Anrufe und Beschwerdebriefe – "an manchen Tagen“ hunderte – beklagt. Einige Schreiben enthielten sogar Drohungen. "Ab heute seid ihr nicht mehr sicher“, heiße es etwa.

Der 17-jährige Marco aus Uelzen sitzt seit dem 12. April in der Türkei in Untersuchungshaft. Er muss sich in Antalya vor Gericht verantworten, weil die Eltern der 13-jährigen Britin Charlotte gegen ihn Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erstattet hatten. Und auch die letzte Sitzung am 26. Oktober brachte kein Ergebnis: Die 160-seitige Mitschrift der Aussage Charlottes wurde dem Gericht von deren Anwalt wieder nur auf Englisch eingereicht.

"Warum dauert das Verfahren so lange?“, sei die häufigste Frage, die gestellt werde. "Wenn uns die Adressen der Schreiber vorliegen, beantworten wir die Briefe“, zitiert die "Zaman“ den Botschaftssprecher. Allerdings versteht dieser nicht, warum die Deutschen die Türkei für das Schicksal des Jungen verantwortlich machen. "Wir mussten lange auf das Vernehmungsprotokoll warten“, heißt es dazu aus der Botschaft in Berlin-Mitte. Nur weil die Türkei in die EU wolle, setzte man die Messlatte so hoch, beklagt sich die Botschaft. Der Prozess wird am 20. November fortgesetzt.

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