Fall Sürücü : Ein Anschlag mit langfristigen Folgen

Der Mord wurde zum Symbol für Integrationsdefizite. Seitdem beschäftigt sich das BKA intensiver mit dem Phänomen "Ehrenmord", Ethik wurde in Berlin Pflichtfach.

Ferda Ataman

BerlinHatun Sürücüs Tod schockierte und wurde zum Symbol für die Probleme in der Einwanderungsgesellschaft: Der Mord am 7. Februar 2005 geschah im Namen einer vermeintlichen Familienehre, die auf brutal archaischen Anschauungen fußt. Hatuns anatolische Verwandtschaft aus der Türkei empfand das fünfte von zehn Kindern als Schandfleck, weil die 23-Jährige sich von der Familie nicht den Lebensstil diktieren ließ.

Zwar zählte die Fraueneinrichtung Papatya in den Monaten um Hatuns Tod acht Morde an Frauen im Namen der Ehre, sieben davon in Berlin. Und die Berliner Polizei benennt mindestens vier weitere „Ehrenmorde“ bis 2008. Doch der Fall Sürücü, der sich an diesem Sonntag zum fünften Mal jährt, ist etwas Besonderes. Es war das erste Mal, dass ein derartiger Mord auf offener Straße mit einer Schusswaffe verübt wurde, geplant und keineswegs im Affekt. Der Sürücü-Mord hat ein neues Bewusstsein geschaffen und Konsequenzen nach sich gezogen.

„Dem Senat ist es ein zentrales Anliegen, dass alle Mädchen und Frauen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder ihrer religiösen Überzeugung die Möglichkeit haben, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und frei von Gewalt zu gestalten“, sagte Frauensenator Harald Wolf (Linke) anlässlich des Jahrestags. Jegliche Form von Gewalt im Namen der Ehre sei „in keinem Fall hinnehmbar“. Integrationssenatorin Carola Bluhm (Linke) fügte hinzu, dass der Senat seit Januar 2010 gesonderte Mittel zur Verfügung stelle, um mehr Kontakt zu Einwanderergruppen aufzubauen, „mit dem Ziel, Gewalt gegen Mädchen und Frauen in jeglicher Form zu ächten“.

Sogenannte Ehrenmorde waren in Deutschland lange Zeit nicht wahrgenommen worden. Der Fall Sürücü bewegte das Bundeskriminalamt schließlich dazu, eine Umfrage bei allen Landeskriminalbehörden zu starten. Ergebnis: Die Zahl der bisherigen „Ehrenmorde“ ist unbekannt, weil es keine „polizeiliche Definitionsgrundlage“ gibt. 2008 hat das BKA daher eine Studie in Auftrag gegeben, die noch dieses Jahr veröffentlicht werden und eine Definition bieten soll.

Der Sürücü-Mord bestärkte 2005 auch die Forderung nach einer gemeinsamen Werteerziehung für Schüler in Berlin, woraufhin der Senat 2006 die Einführung des Ethik-Unterrichts als Pflichtfach beschloss. Einen bundesweit einzigartigen Sonderweg schlug 2006 auch der Hilfsverein „Hatun und Can“ ein: Er hilft Betroffenen in Notsituationen schnell und unbürokratisch und rettet jungen Frauen mit einem Bahnticket oder Anlaufstellen manchmal das Leben, weil sie keine Zeit für lange Erklärungen und Aussageprotokolle haben. Seit seinem Bestehen hat der Verein nach eigenen Angaben mehr als 1000 meist anonyme Anfragen von Hilfesuchenden per E-Mail erhalten.

Zwar ist der geständige Mörder Ayhan Sürücü weggeschlossen, doch der Fall ist noch lange nicht erledigt. Im Prozess vor dem Berliner Landgericht waren neben Ayhan auch die Brüder Mutlu und Alpaslan wegen Mordes angeklagt. Es gab Hinweise darauf, dass Mutlu die Mordwaffe besorgte und Alpaslan den jüngsten Bruder begleitete und in der Nähe des Tatorts Wache stand. Doch der Prozess konnte nicht hinlänglich klären, wer aus der Familie welche Rolle gespielt hat. Daher hat der Bundesgerichtshof in Leipzig 2007 den Freispruch für Alpaslan und Mutlu aufgehoben. Die beiden Brüder werden per internationalem Haftbefehl gesucht. Doch sie leben in der Türkei und entziehen sich dem Prozess.

Der inzwischen 29-jährige Alpaslan sowie sein 31-jähriger Bruder Mutlu haben beide einen türkischen Pass. Und die Türkei liefert keine eigenen Staatsbürger aus. Die beiden Angeklagten haben nicht vor, sich den Behörden zu stellen, wie ihre Anwälte dem Tagesspiegel sagen. Die Berliner Staatsanwaltschaft könnte ein „Strafverfolgungsübernahmeersuchen“ in der Türkei stellen, doch das hat sie nicht vor, „aus Mangel an Erfolgsaussichten“, wie ein Sprecher sagt. Die weitere Aufklärung liegt somit auf Eis.

Für die Hauptbelastungszeuginnen, Ayhans Ex-Freundin Melek und ihre Mutter, ist der aufgeschobene Prozess derweil eine Tortur. Sie haben inzwischen neue Identitäten und wollen nicht einmal anonymisiert über den Fall sprechen. „Die Sürücü-Brüder können in der Türkei unbehelligt ein sorgloses Leben führen, während die beiden Zeuginnen lebenslang in der Isolation leben müssen“, beklagt ihre Anwältin Ulrike Zecher.

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