Fall Uwe K. : Ein Quartier im Zwielicht

Bis zu seiner Festnahme Anfang Dezember soll der Sexualstraftäter Uwe K. regelmäßig von einem Balkon die Kinder beobachtet haben. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Wohnung 2008 ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Wie Anwohner in Spandau auf die Ermittlungen der Polizei reagieren

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Das Klettergerüst zwischen den Plattenbauten ist von Schnee bedeckt. Kein Kind ist an diesem Samstagmorgen im Innenhof am Kraepelinweg in Spandau zu sehen. Bei minus zehn Grad ist es selbst für eine Schneeballschlacht zu kalt. Im Sommer tobten hier noch die Kinder aus den umliegenden Häusern auf dem kleinen Spielplatz. Kaum jemand wusste von der Vergangenheit des neuen Nachbarn. Bis zu seiner Festnahme Anfang Dezember soll der Sexualstraftäter Uwe K. regelmäßig von einem Balkon die Kinder beobachtet haben. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Wohnung 2008 ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben.

„Von da oben hat er immer runtergeschaut“, erzählt eine aufgebrachte Anwohnerin und zeigt auf den gelben Balkon im sechsten Stock. Oft habe er das Gespräch mit Müttern gesucht und auch mit Kindern gesprochen. Seit bekannt wurde, dass K. in den 90er Jahren neun Mädchen im nahe gelegenen Falkensee im Havelland vergewaltigt hat und jetzt vermutlich erneut ein Kind missbrauchte, gibt es im Ortsteil Falkenhagener Feld kein anderes Gesprächsthema mehr. Die Tatorte von damals sind nur wenige Kilometer entfernt. Nach seiner Haftentlassung 2007 zog K. hierher.

Dass nach Aussage der Polizei die Eltern des Opfers die Warnungen der Ermittler vor K. ignoriert haben sollen, kann eine junge Nachbarin gar nicht fassen. „Wie kann man nur so mit dem Leben seiner Kinder umgehen?“ Andere Anwohner wollen die Darstellung der Polizei hingegen nicht glauben. „Das kaufe ich denen nicht ab“, sagt ein Mann. „Die wollen doch nur vertuschen, dass die von vorne bis hinten Mist gebaut haben.“ Er kenne fast alle Menschen im Wohnblock. „Niemand von denen wurde von der Polizei gewarnt“, sagt er.

„Wir machen uns viele Sorgen“, erzählt ein Ehepaar, das ursprünglich aus Russland stammt. Ihre Tochter geht zur wenige Minuten entfernten Grundschule im Beerwinkel. „Vor drei Wochen bekamen die Kinder vom Lehrer einen Elternbrief, in dem vor Sexualstraftätern gewarnt wurde“, erzählt der Vater. „Seitdem bringen wir sie immer persönlich zur Schule und holen sie wieder ab.“ Dass Uwe K. hier schon seit 2007 lebte, haben sie bis dahin nicht gewusst.

Viele fragen sich jetzt, ob K. bewusst in einen sozialen Brennpunkt gezogen ist, um leichter neue Opfer finden zu können. „Schon im Monat des Zuzugs wurde das von K. benutzte Handlungsmuster erkannt“, heißt es von der Polizei. Gemeint ist die gezielte Kontaktaufnahme zu Familien mit minderjährigen Kindern. Von einem „sehr schwierigen sozialen Milieu“ ist die Rede. Das Falkenhagener Feld westlich der Spandauer Altstadt gilt als Problemviertel. Ende der 50er Jahre gab es hier nur Schrebergärten, Felder und Wiesen. Aufgrund des zunehmenden Wohnungsmangels in West-Berlin begann ab 1962 der Bau moderner Wohnhäuser. Erst Mitte der 90er Jahre wurde das Wohnviertel fertiggestellt. Doch langsam verstärkten sich die sozialen Konflikte in der Gegend. Die Arbeitslosigkeit nahm zu, viele Migranten mit türkischen und russischen Wurzeln zogen in die preiswerten Wohnungen.

„Soziale Herausforderungen und zunehmender Handlungsbedarf für die Erhaltung eines lebenswerten Falkenhagener Felds“ sieht das Bezirksamt Spandau und beauftragte im Sommer 2005 ein Quartiersmanagement-Team für das Viertel.

Seither ist einiges passiert. Am Eingang zum Wohnblock am Kraepelinweg weist ein buntes Schild auf das Programm „Soziale Stadt“ hin. Es gibt zahlreiche Einrichtungen, die „ein lebendiges Miteinander im Kiez“ und „ Respekt vor dem Leben der Nachbarn“ fördern sollen. Mit mehrsprachigen Informationstafeln werden gezielt Anwohner mit Migrationshintergrund angesprochen.

Auch im Wohnhaus von Uwe K. gibt es im Erdgeschoss Räume einer vom Quartiersmanagement unterstützten Initiative: Ausgerechnet ein Projekt, das Kindern gesunde Ernährung und Sport näherbringen soll. 

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