• Fallstricke des Alltags: Darf meine Arbeitskollegin verlangen, dass ich auf Knoblauch verzichte?

Fallstricke des Alltags : Darf meine Arbeitskollegin verlangen, dass ich auf Knoblauch verzichte?

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

von
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Knoblauch esse ich für mein Leben gern, manchmal auch in großen Mengen. Meine Kollegin gegenüber beschwert sich, weil ihr von dem Geruch schlecht wird. Sie verlangt, dass ich meinen Konsum reduziere. Sie kommt aus Ostdeutschland, wo der Genuss wohl immer noch verpönt ist. Meine Freunde raten, die Beschwerde zu ignorieren, weil Knoblauch heutzutage gesellschaftsfähig ist. Was meinen Sie?

Karla, vampirgeschützt

Vermutlich hätten Sie sich auf das Votum der Freunde verlassen und die Frage nicht gestellt, wenn Sie sich mit der Situation rundum wohlfühlten. Das stelle ich mir freilich schwer vor. Denn wenn die Kollegin gegenüber leidet, dann könnte es ja sein, dass man zum Mitleiden tendiert. Ist man auch noch Verursacher des Leidens, krankt man selber bald an der Last des eigenen schlechten Gewissens. Es ist richtig, dass Knoblauch heute akzeptierter ist als noch vor 30 Jahren. Ob jemand die Körperausdünstungen unangenehm findet, die Knoblauch nach sich zieht, hängt nicht unbedingt mit der regionalen Herkunft zusammen. Ob und wo Knoblauch gesellschaftlich akzeptiert ist, wird sowieso ziemlich egal, wenn er Würgereize auslöst.

Insofern würde ich unabhängig von gesellschaftlicher Akzeptanz zur ganz individuellen Rücksicht gegenüber der betroffenen Kollegin raten. Das bedeutet nicht, dass Sie jetzt völlig auf Ihre Lieblingsgerichte verzichten müssen. Aber vielleicht können Sie die ganz wilden Knoblauchorgien dann feiern, wenn die Kollegin frei oder Urlaub oder Außentermine hat. Nichts schmeckt auf Dauer richtig gut, wenn man es Tag für Tag isst. Insofern könnte sich Rücksichtnahme auch zu Ihrem eigenen Vorteil auszahlen, weil Sie so Ihre Zuneigung zu dem eigentlich doch gesunden Knoblauch erhalten. Ich kenne Menschen, die fühlen sich auch heute noch unattraktiv mit einer starken Knoblauchfahne und beschränken den Genuss auf Wochenenden oder andere Gelegenheiten, bei denen sie allzu viel Publikumsverkehr nicht fürchten müssen. Gerade die sind in der Lage, Knoblauchgerichte besonders intensiv zu genießen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

Autor

27 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben