Fallstricke des Alltags : Ist es gierig, sich bei Tisch die Schüssel zu kapern?

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Ein alter Familienstreit geht bei uns um das Zulangen bei Tisch. Ist es ein Zeichen von Raffgier, wenn man die Gemüseschüssel zu sich heranzieht, um sich bequemer den Teller füllen zu können? Beugt man sich mit dem Teller in der Hand über den Tisch zur Schüssel hin, besteht allerdings die Gefahr, dass man kleckert.

Schön, dass Sie in einer großen Tafelrunde speisen. Eigentlich dürfte diese Frage gar nicht erst aufkommen. Ich halte die beiden von Ihnen vorgeschlagenen Lösungen für suboptimal. Denn noch bevor jemand Gefahr läuft, die Tischdecke zu bekleckern oder mit Schwung die Schüssel zu sich heranzuziehen, müsste ein aufmerksamer Tischgenosse, der in der Nähe der gewünschten Schüssel oder Platte sitzt, diese weiterreichen.

Spricht man denn bei Ihnen bei Tisch gar nicht miteinander? Selbst wenn die anderen nicht merken, dass man sich Gemüse auf den Teller füllen will, könnte man doch höflich fragen, ob man bitte das Gewünschte gereicht bekommen könnte.

Manche mögen das für ein Familienessen zu formell finden, besonders wenn der Tischgruß nicht „Guten Appetit“ lautet, sondern fröhlich unkompliziert „Haut rein!“. Aber gerade im Kreis von sehr vertrauten Menschen ist es wichtig, dass man höflich miteinander umgeht und bestimmte Formen einhält. Lässt man sich da zu sehr hängen, kommt es möglicherweise zu unnötigen Missstimmungen. Auch ist es doch niemals peinlich, Hilfsbereitschaft zu zeigen oder aufmerksam zu sein für die Bedürfnisse anderer, selbst wenn man jeden Tag mit ihnen zusammen ist.

Da Sie das Problembewusstsein haben, sollten Sie vielleicht mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn Sie also nicht sowieso in der Nähe der Schüssel sitzen, ziehen Sie sie ruhig zu sich heran. Dann aber warten Sie bitte nicht ab, bis der nächste sie mit Schwung für sich erobert. Reichen Sie das Gemüse ruhig freiwillig weiter. Nach einer Weile wird es dann vielleicht einen Nachahmungseffekt geben. Ganz genauso sollten Sie reagieren, wenn bei Tisch jemand aufsteht und mit langen Armen nach dem Gemüse baggert. Helfen Sie einfach, wo Sie können.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder aber mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

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