Fallstricke des Alltags : Müssen Frauen nicht auch Männern die Tür aufhalten?

"Immer wieder sonntags" fragen Sie Elisabeth Binder um Rat. Sie antwortet in dieser Kolumne. Diesmal geht es um Ritterlichkeit und Elternzeit und die richtige Rücksichtnahme zwischen Mann und Frau.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Immer wieder passiert es mir, zum Beispiel beim Einkaufen, dass vor mir hergehende Frauen Türen nicht aufhalten, sondern einfach vor meiner Nase zuschlagen lassen. Das nervt mich, besonders wenn ich mein Kind auf dem Arm trage. Ich finde das nicht nur unhöflich, sondern richtig rücksichtslos. Warum gibt es keine Regel, dass Frauen auch Männern die Tür aufhalten? - Tom, väterlich

Die althergebrachte Regel, nach der ein Mann der Frau die Tür aufhält und nicht umgekehrt, stammt natürlich aus einer anderen Zeit. Ritter pflegten nicht in Elternzeit zu gehen, und auch die Erledigung der Einkäufe delegierten sie gern. Sowieso ist die Regel, nach der ein Mann der Frau die Tür aufhält, längst schon erweitert worden. So gehört es sich für den Gastgeber, seinen Gästen die Tür aufzuhalten, viele Mitarbeiter werden das für ihre Chefs erledigen, so wie auch jüngere Damen gebrechlichen älteren Herren diesen Dienst erweisen.

Der Mann mit Kind auf dem Arm im Einkaufszentrum ist noch nicht so etabliert im öffentlichen Erscheinungsbild, dass ihm eine eigene Regel gewidmet worden wäre. Grundsätzlich gilt für den höflichen Menschen in allen Lebenslagen, dass er die Augen aufhält. Egal wie die Hierarchien und Regeln sind, wenn jemand die Hände oder Arme voll hat, dann sollte man ihm den Vortritt lassen. Ein kleiner Schulterblick reicht ja schon, um zu erkennen, ob jemand vielleicht noch Hilfe braucht.

Frauen sollten sich nicht auf Privilegien ausruhen

Gerade junge Väter wie Sie sollten ermutigt werden durch besondere Höflichkeit, denn noch ist es ja nicht völlig selbstverständlich, dass auch Männer sich in gleicher Weise um Familienpflichten kümmern. Da darf man mit positiven Signalen nicht sparen und sollte sich als Frau auch nicht auf Privilegien ausruhen. Einfache kleine Gesten der Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme können in ihrer Summe zudem das Klima in einer Gesellschaft insgesamt verbessern. Das funktioniert wie psychisches Crowdfunding. Am Ende bringt eine große Welle freundlicher Rituale den Frühling auch in normalerweise schlechtgelaunte Herzen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de.

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