Fallstricke des Alltags : Muss man in der S-Bahn für Behinderte aufstehen?

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

Elisabeth Binder
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Zum wiederholten Male ist mir in der S-Bahn folgendes passiert: Ein Herr saß neben seinem Rad auf einem der Klappsitze vorne und belegte insgesamt 5 Sitze. Es war voll, und da ich schwer behindert bin, bat ich um einen Sitzplatz. Ich bekam zur Antwort, dass er gar nicht daran denke, Platz zu machen, es sei schließlich sein gutes Recht, sein Fahrrad so zu stellen. Platz machen müsse er nur für Rollstuhlfahrer, aber die würden ja schon sitzen. Auch mein Ausweis nützte nicht. Bei den Umsitzenden herrschte eisiges Schweigen. Hätte es nicht die Höflichkeit geboten, mir Platz zu machen?

Alina, empört

Ihre Frage ist im Grunde rhetorisch. Schon bei der Lektüre möchte man sich empören über diesen unsäglichen Kotzbrocken, dessen Kinderstube, falls sie denn je vorhanden war, offenbar schon lange unter Bergen von Zynismus begraben liegt. Normalerweise gilt immer noch die Regel, dass jüngere Menschen für ältere oder gebrechliche Zeitgenossen oder auch gern mal für eine junge Mutter den Platz räumen. Dazu sollte es in keiner Weise der Aufforderung bedürfen. Das muss in einer zivilisierten Gesellschaft normal sein. Mancher ältere Mensch, der sich selber nicht alt fühlt, wird bei entsprechenden Angeboten rasch abwinken, dann ist es für den Jüngeren auch in Ordnung, sitzen zu bleiben. Natürlich wirft ein Fahrrad in der vollen S-Bahn für den Besitzer selbst einige Probleme auf, die sich aber mit ein bisschen Entgegenkommen lösen lassen. Für dieses auch verbal grobe Verhalten gibt es in meinen Augen keine Entschuldigung. Bis zum Vorzeigen des Ausweises dürfte es gar nicht erst kommen.

Es wirft leider auch ein schlechtes Bild auf die Mitreisenden, dass sie sich nicht eingemischt und den Mann zurecht gewiesen haben. Wenn jemand sich so eklatant daneben benimmt, darf man auch als Unbeteiligter mal das Wort erheben. Das wird auf Dauer vielleicht nichts nützen, aber es wäre aus Gründen der Zivilcourage trotzdem wichtig, es einfach zu tun. Da ihnen die Situation wiederholt passiert ist, könnte es sein, dass sich bei dem Radfahrer irgendein seltsamer Trotz festgefressen hat. Aber auch das ist keine Entschuldigung. So viel Selbstdisziplin muss sein, um grundlegende Höflichkeitsregeln einzuhalten und Schwächeren zu helfen, wo es möglich ist.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, "Immer wieder sonntags", 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

37 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben