Fallstricke des Alltags : Per Du mit dem Oberst?

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Auf einem Trödelmarkt kam ich mit einem Herrn ins Gespräch, und wir erkannten gleiche Interessen. Inzwischen hatten wir mehrere Kontakte. Der Herr ist etwa 65 Jahre alt und Oberst der Reserve der Bundeswehr. Ich bin 80 Jahre alt, habe in der NVA der DDR bis zum Dienstgrad Fähnrich gedient. Wer darf dem anderen das „Du“ anbieten? Entscheiden hier das Lebensalter oder der Rang militärischer Hierarchie?

Bernd, rangbewusst

Der Übergang vom Duzen zum Siezen gehört zu den kompliziertesten Benimm-Fragen, immer noch. Leider betrifft das Menschen in Ihrem Alter mehr als die ganz Jungen, die durch ihre internationalen Kontakte gestählt, oft einfach drauf los duzen, ohne lange zu überlegen. Mit 80 Jahren müssen Sie ja wohl nicht damit rechnen, noch mal zum Militärdienst einberufen zu werden. Die DDR ist zudem Geschichte. Und ihr Bekannter ist ja auch kein aktiver Soldat. Eine Situation in der er Ihr Vorgesetzter werden könnte, ist also nicht zu erwarten. Zudem ist Ihr Kontakt ist ausschließlich privat. Unter solchen Umständen würde ich denken, dass das Lebensalter entscheidend ist. Ich könnte mir vorstellen, dass ein "Oberst der Reserve" Hemmungen hätte, einem deutlich älteren Mann einfach so das "Du" anzubieten. Das würde doch leicht herablassend oder gar paternalistisch wirken. Zumal Sie selber wohl nicht Berufssoldat waren. Als Test, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist, empfehle ich, das gefühlte "Du" unter die Lupe zu nehmen. Fühlt sich der Umgang vertraut an? Kennen Sie den Bekannten schon gut genug, um einschätzen zu können, wie wichtig der Reserve-Grad ihm ist, was er für sein Selbstwertgefühl bedeutet? Und wie groß ist überhaupt die Rolle, die Ihre militärische Vergangenheit in dem Kontakt spielt?
Bestimmt verabreden Sie sich mal auf einen Drink. Dann könnten Sie am Anfang sagen, dass Ihnen der Kontakt so viel Freude bereitet, dass Sie glatt versucht wären, ihm das Du anzubieten, es aber aus Respekt vor seinem hohen Dienstgrad bisher gelassen hätten. So bauen Sie eine goldene Brücke, über die der Bekannte gehen kann - oder auch nicht.
Ist eine wirkliche Freundschaft entstanden, wird er sich über Ihre Respektbekundung sicherlich freuen und gleich spontan sagen: "Ich bin der Johann. Prost!" Findet er sich als Oberst der Reserve doch ein bisschen zu fein oder zu erhaben, um sich mit dem Ex-Fähnrich zu verbrüdern, kann er über die Anmerkung einfach hinweg gehen, indem er sie überhört oder sagt, dass er für sowas immer etwas mehr Zeit braucht.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen an: Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin. Per Mail: meinefrage@tagesspiegel.de

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