Fallstricke des Alltags : Soll ich undankbaren Nachbarn immer weiterhelfen?

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen..

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Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Ein Ehepaar aus meiner Nachbarschaft fährt jedes Jahr für drei Monate in den Urlaub. In dieser Zeit kümmere ich mich um Post und Wohnung. Es ärgert mich, dass sich diese Nachbarn nach ihrer Rückkehr nie melden und sich auch nie bedanken. Ablehnen will ich den Schlüssel nicht, weil ich dann Unfrieden fürchte. Ich selber muss oft andere Nachbarn um Hilfe bitten, wenn ich wegfahre.

Marie, ausgebeutet

Kleine Etikette-Sünden halte ich in einer Welt, die mehr von Flexibilität als von starren Regeln geprägt ist, immer für verzeihlich. Was Ihre Nachbarn da praktizieren, ist freilich ein gravierender Regelverstoß gegen ein gutes menschliches Miteinander. Und vor allem darum geht es bei den meisten Regeln, jedenfalls bei denen, die ihre Aktualität über lange Zeit beibehalten haben. „Du sollst nicht undankbar sein“, ist gewissermaßen ein grundlegendes Gebot, aus dem viele neue kleine Sitten und Gebräuche erwachsen, die Kunst, Dankeschön-Kärtchen zu schreiben zum Beispiel.

Wenn Sie einfach nur den Schlüssel hüten und sonst nichts tun müssten, wäre das Verhalten der Nachbarn vielleicht noch verständlich. Da Sie sich aber offenbar auch noch um Post und anderes kümmern, ist der Besitz des Schlüssels zur nachbarlichen Wohnung ja mit echter Arbeit verbunden, teils auch vermeidbarer. Post nämlich kann man auch lagern oder sie sich einfach nachschicken lassen.

Nach meinem Gefühl sollten sich die Nachbarn zeitnah nach der Rückkehr aus dem Urlaub bei Ihnen mit einem Blumenstrauß oder einem Mitbringsel zurückmelden. Oder wenigstens „Danke“ sagen für die Mühe, die Sie auf sich genommen haben. Das müssen schon ziemlich unsensible Zeitgenossen sein, wenn sie nicht von selbst darauf kommen. Freilich kann man das Offensichtliche nicht einfordern, das wäre nur peinlich.

Es hilft aber auch nichts, still den Ärger in sich hineinzufressen. Wenn Sie zum Beispiel unter dem höflichen Vorwand, selber eine längere Reise zu erwägen, zunächst mal ein Jahr aussetzen, wird das nicht gleich in Unfrieden enden. Aber vielleicht wird diese Pause den Nachbarn deutlich machen, was sie an Ihnen haben.

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