Fallstricke des Alltags : Stau am Krankenbett

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Von einer Freundin hörte ich, dass eine frühere Kollegin im Krankenhaus liegt. Um ihr eine Freude zu machen, habe ich sie einige Tage später besucht. Allerdings waren schon zwei andere Freundinnen da und ich fühlte mich ein bisschen überflüssig. Auch für mein Mitbringsel, eine teure Trüffelmischung, hat sie sich kaum bedankt. Hätte ich einfach wegbleiben sollen?

Harriett, unwillkommen

Grundsätzlich ist es eine nette Geste, einen kranken Menschen zu besuchen. Er kann nicht selber raus und sehnt sich vielleicht nach Gesellschaft, nach Gesprächen, nach Neuigkeiten von draußen. Allerdings ist es ein Missverständnis, zu denken, jeder Besuch sei zu jeder Zeit willkommen. Wenn jemand über längere Zeit im Krankenhaus liegt, finden sich manchmal Angehörige oder gute Freunde, die Besuche koordinieren, sodass es möglichst einen steten Fluss gibt, aber keine Rushhour. Patienten, die einen solchen Service aus ihrem Umfeld erhalten, können sich glücklich schätzen.

In Ihrem Fall hätte ich zunächst versucht, die Ex-Kollegin telefonisch zu erreichen. Am Anfang eines solchen Gespräches sollte man fragen, ob der Anruf vielleicht gerade ungelegen kommt. Das Telefongespräch sollte man auch nicht zu sehr ausdehnen und dem Patienten überlassen, wie viel er über seinen aktuellen Gesundheitszustand preisgeben möchte. Dann kann man vorsichtig fragen, ob er sich über einen Besuch freuen würde und welche Zeiten gut wären. Nennt er Zeitfenster, die auch in Ihren Tagesablauf integrierbar sind, sollten Sie fragen, ob er sich über ein Mitbringsel freuen würde und wenn ja, über welches.

Gerade Singles, die nicht von einer Familie versorgt werden, haben manchmal verblüffend simple Wünsche, auf die Sie gar nicht kämen. Ein Modemagazin zur Zerstreuung hätte der Ex-Kollegin vielleicht viel besser gefallen als die Trüffel, auf die sie in ihrem Zustand überhaupt keinen Appetit hat, wenn sie diese denn überhaupt essen darf. Mit ein bisschen Recherche wird die gute Absicht so erst zu einer guten Tat.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

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