Berlin : Falsch verbunden

Bernd Matthies

zweifelt am Sinn eines Einstein-Wortes Wir sind ja alle ein wenig Einstein-besoffen dieser Tage, auch wenn es scheint, dass damit eher der Autor sinnstiftender Weisheiten als der große Physiker gemeint ist – eine Art Albert Schweitzer ohne Orgel. Ein solcher Einstein-Satz hängt bis Ende September auf einer Tafel am Roten Rathaus: „Berlin ist die Stätte, mit der ich durch menschliche und wissenschaftliche Beziehungen am meisten verbunden bin.“

Da kann man lange drüber nachdenken, nicht wahr? Zum Beispiel darüber, dass er diesen Satz 1932 gesagt hat, kurz bevor er auf der Flucht vor dem Nazi-Wahn erst Berlin und dann Europa verließ. Niemand weiß, ob er sich ähnlich verbunden auch noch 1950 geäußert hätte, aber die Wahrscheinlichkeit ist gering; vermutlich hätte er Princeton an die Stelle von Berlin gesetzt.

Deshalb ist es, sagen wir, nicht unbedingt ein Zeichen großen Geschichtsbewusstseins, dass sich Berlin jetzt mit dem Lob des Legendären zu schmücken beliebt, einem Lob, das durch die Zeitläufte völlig obsolet wurdet. Ganz gut, dass die Tafel wieder verschwindet, wenn der Einstein-Jubel nachgelassen hat.

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