Berlin : Falsche Scham

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden kritisiert den Umgang mit neuem Antisemitismus

David Byers

Der Zentralrat der Juden in Deutschland macht die deutsche Gesetzgebung mitverantwortlich für das Erstarken der rechtsextremistischen Parteien. Die strengen Gesetze gegen Volksverhetzung trügen dazu bei, dass der wachsende Antisemitismus in Deutschland unter den Teppich gekehrt wird, sagte Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Erst wenn offen über antisemitische Tendenzen gesprochen werde und eine ehrliche Debatte darüber geführt werde, könnten die Ursachen nachhaltig bekämpft werden. Der Umgang mit dem Holocaust müsse sich dringend ändern, sagte Kramer. So sei der Schulunterricht über die Ermordung der Juden unter nationalsozialistischem Terror „falsch gelaufen“. Bei vielen Jugendlichen, die Jahrzehnte nach dem Holocaust geboren wurden, sei das Bewusstsein entstanden, dass sich für ihr Land schämen müssten. Dadurch seien Ressentiments und ein Identitätsvakuum entstanden, von dem die Extremisten nun profitierten.

Auch sei es „historisch nicht zutreffend“, wenn man die Situation in der Bundesrepublik von heute mit der Nazi-Diktatur vergleicht. Kramer sagte aber, er könne solche Bewertungen aus der Perspektive der Generation der Holocaust-Überlebenden absolut nachvollziehen. Erst vor Kurzem hatte die Zentralrats-Vorsitzende Charlotte Knobloch das Ausmaß des aktuellen Antisemitismus und das Wiedererstarken des Rechtsextremismus mit der Lage nach 1933 verglichen. Deutschland müsse den Antisemitismus ernst nehmen und bekämpfen, sagte Kramer. Aber die Situation sei nicht vergleichbar mit der von 1933. „Wenn man fünf Mal die Feuerwehr ruft, weil man eine Kerze angezündet hat, kommt sie beim sechsten Mal nicht, dann, wenn es wirklich ernst ist. Darüber bin ich beunruhigt.“

Dass der Generalsekretär des Zentralrats ausgerechnet am Vorabend des 9. November zu einem offeneren Umgang mit dem Antisemitismus aufruft, könnte intensive Debatten innerhalb der Jüdischen Gemeinde auslösen. „Die jetzige Situation zeigt, dass all diese Gesetze gegen Volksverhetzung uns in trügerischer Ruhe gewogen haben“, sagte Stephan Kramer gestern. Die Gesetze hätten das Aufkommen antisemitischer Strömungen nicht verhindert, sondern sogar dazu beigetragen, den unterschwelligen Antisemitismus zu fördern . „Hätten wir eine Situation, in der offen über Probleme diskutiert würde, anstatt sie totzuschweigen, wäre sich die Öffentlichkeit des Problems viel deutlicher bewusst.“

„Um die Menschen gegen etwas immun zu machen, muss man sie damit konfrontieren.“ Das müsse schon im Schulunterricht anfangen. „Ich weiß, es ist ein hartes Urteil, wenn ich sage, dass die Erziehung in diesem Punkt Chancen verpasst hat.“ Aber das Ergebnis sei heute, dass junge Deutschen entweder über-respektvoll Juden gegenüber seien oder nichts mehr hören wollten von der Vergangenheit. Der Unterricht über den Holocaust sollte mehr auf menschlichen Geschichten basieren statt auf Statistiken. Man könne nicht nur die immergleichen Fotos von Auschwitz zeigen und sagen: „Schaut euch das an, leidet und schluckt es.“

Anstatt allen einzureden, sie seien schuldig, sollten Schulkinder lieber dazu erzogen werden, stolz auf das heutige Deutschland zu sein. „Schuld ist etwas Persönliches“, sagte Kramer, „jemand der nicht zu dieser Zeit gelebt hat, kann nicht schuldig sein.“ Das Fehlen einer deutschen Identität, das viele heute empfänden, das Fehlen von Patriotismus, verursache ein Vakuum, das Extremisten mehr und mehr zu füllen verstünden. „Warum sollten die Deutschen heute nicht stolz auf ihr Land sein? Es ist ein demokratischer Staat mit einem Parlament und einem ausgeglichenen politischen System. Wir sollten uns zusammen Gedanken machen, wie eine deutsche Identität heute aussehen könnte.“

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