• Falscher Todeszeitpunkt: Ermittlungspanne im Mordfall Nina Aul. Täter hätte früher gefasst werden können

Berlin : Falscher Todeszeitpunkt: Ermittlungspanne im Mordfall Nina Aul. Täter hätte früher gefasst werden können

Werner Schmidt

Bei den Ermittlungen im Fall der ermordeten 14 Jahre alten Schülerin Nina Aul ist es zu einer folgenschweren Panne der Gerichtsmediziner gekommen. Diese führte dazu, dass die Mordkommission bei ihren Ermittlungen zunächst in die Irre geführt und der mutmaßliche Täter erst deutlich später festgenommen wurde. Die Gerichtsmediziner hatten sich bei der Feststellung des Todeszeitpunktes um etwa 24 Stunden verrechnet. Sie gaben an, dass das Mädchen mit großer Wahrscheinlichkeit gegen Mitternacht am Freitag, den 2. Juni, im Humboldthain getötet worden war. Tatsächlich wurde die Schülerin bereits einen Tag zuvor ermordet. Mehrere Tage bemühte sich folglich die Mordkommission vergeblich darum, herauszufinden, wo sich die aus Russland stammende Schülerin am Abend des 1. Juni aufgehalten hatte. Unter Verdacht wurde schließlich der Cousin des Opfers inhaftiert. Er bestreitet die Tat.

Im Landeskriminalamt, bei der Mordinspektion, versucht man offiziell, die Panne glatt zu bügeln, um keine Unstimmigkeiten mit den Gerichtsmedizinern zu provozieren. Inoffiziell aber fragt man sich dort, wie einem als erfahren geltenden Wissenschaftler ein solcher Fehler passieren konnte. Hätte man am Tatort, einem Waldstück im Humboldthain, nicht noch anderes Spurenmaterial gefunden, mit dem eine DNA-Analyse möglich war, hätte der Täter sogar Chancen gehabt, ungeschoren davon zu kommen.

Vor zehn Jahren, als der genetische Fingerabdruck noch in den Kinderschuhen steckte, hätte eine solche Fehleinschätzung eines Gerichtsmediziners durchaus dazu führen können, dass der Mordfall als ungeklärt im Aktenschrank gelandet wäre. Der Irrtum der Gerichtsmediziner war jetzt sogar Thema in einer Besprechung der LKA-Abteilungsleiter.

"Es gab andere Spuren, die unabhängig vom Todeszeitpunkt zum Täter geführt haben", sagte Inspektionsleiter Jochen Sindberg. Und er weist auf die Umsicht seiner Ermittler hin: "Durch die fachliche Kompetenz der Mordkommission wurden andere wissenschaftliche Disziplinen hinzugezogen." Der Bestimmung des Todeszeitpunktes gehen schwierige Berechnungen voraus und ist abhängig von vielen Umweltfaktoren. Offenbar führte die Hitzewelle, die zum Zeitpunkt des Mordes herrschte, die Gerichtsmediziner in die Irre. Die Leiche lag aber im Unterholz, wo nur wenig Sonne hingelangte. Erkundigungen bei den Meteorologen ergaben, dass die Bodentemperaturen dort tatsächlich nur wenige Grad über dem Nullpunkt lagen. Dies führte dazu, dass die Verwesung langsamer voranschritt.

Weitere Hinweise, dass der Tod früher eingetreten sein muss, als im vorläufigen Obduktionsbericht stand, ergaben entomologische Untersuchungen. Denn die Leiche war stellenweise übersät mit Fliegenmaden. Die Zahl war so groß, dass die Mordermittler Verdacht schöpften und das Alter der Fliegenmaden von Spezialisten untersuchen ließen. Diese bestätigten den Verdacht.

Bei einer korrekten Angabe des Todeszeitpunktes "hätten wir den Täter schon einige Tage vorher gehabt", sagte der Leiter der ermittelnden Mordkommission, Klaus Ruckschnat. Informationen seien durch den Irrtum des Gerichtsmediziners nicht verloren gegangen. Darauf legte Jochen Sindberg Wert: "Sie standen nur in einem anderen Licht." So sehr sich die Beamten auch bemühen, eine Lanze für die Gerichtsmediziner zu brechen, in einem sind sie sich allerdings einig: Es sei bisher kein Fall bekannt, in dem sich ein Mediziner derart irrte. Zwar können die Berechnungen eines Todeszeitpunktes wegen der vielen Einflüsse auf die Leiche immer nur ein "mehr oder weniger genaues" Ergebnis liefern - aber in diesem Fall handele es sich um einen echten "Ausreißer".

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