Familie : Ein Dorf in der Stadt

Das erste SOS-Kinderdorf in einer deutschen Großstadt steht in Moabit. 24 Kinder leben dort.

Alicia Rust
Kein Mutterersatz. Christine Müller ist als Erzieherin für sechs Kinder und Jugendliche rund um die Uhr im Einsatz. Mama lässt sie sich aber nicht nennen.
Kein Mutterersatz. Christine Müller ist als Erzieherin für sechs Kinder und Jugendliche rund um die Uhr im Einsatz. Mama lässt sie...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es duftet nach Pfannkuchen. Amber und Cleo*, 11 und 15 Jahre alt, betreten die helle Neubauwohnung und pfeffern ihre Schulrucksäcke mit Schwung in die Ecke. Gleich neben den riesigen Schuhstapel. „Hallo, Christine“, rufen die beiden einer blonden Frau mit Mittelscheitel und Brille zu. Dann decken sie gemeinsam den großen Tisch in der Wohnküche mit weitem Blick über Moabit. Amber und Cleo wohnen hier auf 220 Quadratmetern mit SOS-Kinderdorf-Mutter Christine Müller und vier anderen Kindern und Jugendlichen – in einer von vier SOS-Kinderdorf-Familien in Berlin mit jeweils sechs Kindern.

Cleo bestreicht ihren Pfannkuchen mit Apfelmus. Das Gespräch dreht sich um die Suche nach einem Praktikumsplatz. Cleo will später mal zur Polizei. „Oder irgendwas mit Kindern machen. Um anderen zu helfen“, sagt sie. „Für ihr Alter hat sie eine hohe soziale Kompetenz“, sagt Christine Müller, 45 und gelernte Erzieherin. Cleo schreibt außerdem gern Gedichte und Kurzgeschichten, spielt Theater, sammelt Nagellack und tauscht Klamotten mit ihren Kinderdorf-Geschwistern. „Cleos Weg war alles andere als einfach“, sagt Christine Müller später, als Cleo in ihrem Zimmer verschwunden ist. Mit sechs Jahren ist sie ins SOS-Kinderdorf gekommen. „Eine ganz normale Kindheit ist für die Kinder hier keine Selbstverständlichkeit. Sie haben alle eine Vorgeschichte“, sagt Christine Müller: „Zerrüttete Familien, Sucht, Drogen, Gewalt, Vernachlässigung, Verwahrlosung, Überforderung, Missbrauch.“

Die Kinderdörfer wurden für Kriegswaisen gegründet

16 SOS-Kinderdörfer betreibt die vor rund 60 Jahren von Hermann Gmeiner für Kriegswaisen gegründete Organisation in Deutschland. Das SOS-Kinderdorf in Moabit ist aber das erste in einer Großstadt. In 133 Ländern ist die Organisation aktiv. In Entwicklungsländern nimmt sie meist Waisen auf, in Deutschland eher Kinder und Jugendliche, deren leibliche Eltern die Erziehung nicht wahrnehmen können und die vom Jugendamt im SOS-Kinderdorf untergebracht wurden. Teils finanziert die Organisation das aus Spenden, teils aus öffentlichen Mitteln. Die meisten Kinder im Berliner Kinderdorf stammen aus Moabit, die Eltern wohnen oft in der Nähe. Kinder und Eltern werden ermutigt, Kontakt zu halten. „Elternarbeit“ nennt sich das. In einigen Fällen lehnen die Kinder den Kontakt aber ab. „Das müssen wir dann als Einrichtung akzeptieren“, sagt Kinderdorf-Mutter Christine Müller.

SOS-Kinderdorf-Mütter – so werden die Erzieherinnen bei der Organisation genannt. Aber ist Christiane Müller für Cleo, Amber und die anderen wirklich eine Art Mutterersatz? Müller schüttelt den Kopf. In einigen Kinderdorf-Familien sei dies der Fall. Es gibt Kinder, die ihre SOS-Kinderdorf-Eltern mit Mama oder Papa ansprechen. Besonders, wenn die Kinder sehr früh dorthingekommen sind. „Mich nennen aber alle nur Christine“, sagt die Frau, die wirkt, als könne sie nichts so schnell aus der Fassung bringen. „Unser Zusammenleben hier im Kinderdorf fühlt sich schon familiär an, aber es ist vielleicht eher mit einer Patchwork-Konstellation vergleichbar, wo die Betroffenen zusammenleben, ohne miteinander verwandt zu sein. Ich bin aber immer für die Kinder da. Das ist ein 24-Stunden Job. Wir essen gemeinsam, wir machen die Hausaufgaben, wir besprechen Probleme, Sorgen und Wünsche, ich gehe zu allen Elternabenden, organisiere Arztbesuche.“ Sie machen Ausflüge, gehen ins Schwimmbad. Bald fährt die SOS-Kinderdorf-Familie in den gemeinsamen Sommerurlaub: eine Woche in ein altes Schloss auf dem Land.

Eins der Bilder wurde in Paris ausgestellt

Neben der Schule und dem Alltag hat jedes Kinderdorf-Kind Hobbys: Fußball, Karate, Tanzen, Leichtathletik. Einige spielen ein Instrument, es gibt Kunstprojekte. Christine Müller zeigt auf ein Bild hinter dem Esstisch, das ein wenig an Henri Matisse erinnert „Das hier hat es sogar schon mal auf eine Ausstellung in Paris geschafft.“ Freundschaften zu anderen Kindern aus der Schule, aus anderen Kinderdorf-Familien, aus der Nachbarschaft und zu ehemaligen Kinderdorf-Kindern werden intensiv gepflegt – mit Besuchen und Übernachtungen.

Besonders wichtig im Alltag seien eindeutige Regeln, viel Unterstützung und eine Zuverlässigkeit, die viele Kinder aus ihren leiblichen Familien nicht kennen, sagt die Erzieherin. Wie viel Taschengeld jedes Kind erhält, ist nach dem Alter geregelt. Ebenso die Uhrzeit, zu der jedes Kind am Abend zu Hause sein soll. „Unsere Absprachen funktionieren ganz gut“, sagt Christine Müller. „Wir haben aber keine ganz starren Regeln, wir erarbeiten gemeinsam, was am sinnvollsten für das jeweilige Kind ist.“

Am Nachmittag füllt sich die geräumige Wohnküche mit dem sonnendurchfluteten Wintergarten dahinter, wo auf den Fensterbrettern selbst gepflanzte Tomaten und Kräuter wachsen. Jetzt kommen die Ganztagsschüler aus dem Unterricht. Zuerst der 15-jährige Firaz, dann die 12-jährige Luna. Beide stammen aus Syrien und sind als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Firaz, dessen sorgsam gestylte Frisur an den jungen Elvis erinnert, muss gleich zum Fußballtraining. Er lebt erst seit rund sieben Monaten hier und hat es trotz mangelnder Sprachkenntnisse aufs Gymnasium geschafft. Luna dagegen spricht schon fast perfekt Deutsch: „Ich wollte unbedingt mit den anderen Kindern hier sprechen. Und ich wollte auch, dass sie mich verstehen.“

Luna hat gerade schwimmen gelernt

„Beide haben ganz große Sprünge in ihrer Entwicklung gemacht, seitdem sie bei uns sind“, sagt Christine Müller und wirkt erleichtert. Denn beide vermissen ihre leiblichen Eltern und Geschwister sehr. Regelmäßige Telefonate erhalten den Kontakt. Lunas Familie, Syrer kurdischer Abstammung, leben zur Zeit im Libanon. Der Vater arbeite dort in einer Schneiderei, erzählt Luna und sieht auf einmal traurig aus. Nach ihrer Ankunft im Kinderdorf hat Christine dem Flüchtlingsmädchen das Fahrradfahren beigebracht. Dann das Schwimmen. Als Nächstes würde Luna gern Klavierspielen lernen. In der Wohnküche erzählt die 12-Jährige jetzt, dass Mitschüler ihr üble Schimpfwörter zugerufen haben.

Christine Müller muss tief durchatmen, als sie hört, welche das waren. Die Probleme, die sechs Kinder so mit nach Hause bringen, sind nicht immer leicht zu ertragen. Ist Kinderdorf-Mutter dennoch ein Traumberuf für sie? Dafür sei dieser Job einfach zu anstrengend, sagt Christine Müller. „Aber es ist dennoch ein Beruf, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, etwas Positives bewirken zu können.“ Damit sie nicht alles mit sich alleine ausmachen muss, gibt es vom SOS-Kinderdorf eine regelmäßige Supervision für die Erzieher. „Eine echte Hilfe“, sagt Christine Müller. Wichtig ist ihr das Privatleben neben dem Job. Alle zwei Wochen verbringt sie einige Tage bei ihrem Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung in Norddeutschland.

Immerzu surrt die Waschmaschine

In einem der zweieinhalb Badezimmer surrt beständig die Waschmaschine. Es kommt einiges an Wäsche zusammen. Die Kinderdorf-Mutter bekommt deshalb Unterstützung von einer Haushaltshilfe, tagsüber kommt außerdem eine zweite Erzieherin dazu. „Was nicht heißt, dass die Kinder ihre eigenen Zimmer nicht selber aufräumen müssten.“

Die drei Mädchen waren zwischendurch in einem der Zimmer verschwunden, jetzt tauchen sie wieder auf: Cleo und Luna haben mit einem Lockenstab Ambers Haare in Form gebracht. Die drei kichern. Ist das immer so harmonisch hier? „Beileibe nicht“, sagt die Erzieherin und grinst. „Hier werden natürlich auch mal ordentlich die Türen geknallt. Es wird gezankt und manchmal sogar gebrüllt und es gibt auch reichlich Gezicke. Aber wenn die Wut wieder verflogen ist, geht’s immer gleich ans Vertragen.“

(*Alle Namen der Kinder und Jugendlichen geändert)

FAMILIENTREFF

Zum SOS-Kinderdorf gehört auch ein Familientreff mit Cafeteria an der Waldstraße 23/24 in Moabit. Er ist Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr geöffnet, es gibt Frühstück, Mittagstisch, Kaffee. Im großen Spielraum im ersten Stock finden vormittags Kurse wie die offene Eltern-Kind-Gruppe oder Pekip statt. Sonst können alle Kinder dort spielen – mit Kinderküche, Puppenwagen und Emmi-Pikler-Elementen. Mittwochs ist von 16–18 Uhr Vorlesestunde in der Bibliothek.

Im großen Spielzimmer des Familientreffs
Im großen Spielzimmer des FamilientreffsFoto:dma

STRASSENSPIELE

Von Mai bis Oktober ( montags bis freitags) können sich Kinder von 15.30 bis 18 Uhr vor der Cafeteria bei „Straßenspielen“ mit Hula-Hoop-Reifen, Pedalos, Fahrrädern austoben. Ehrenamtliche leiten sie an.

BERATUNG

Die Beratungsangebote richten sich an Eltern mit Erziehungsfragen, Kinder und Jugendliche mit Problemen in Familie oder Schule, Paare mit Trennungs- und Umgangsfragen. Auch eine Hebammensprechstunde (montags, 12–13 Uhr) gibt es.

KURSE UND KITA

Sechs- bis Zwölfjährige spielen Theater, lernen Selbstverteidigung oder nehmen an Kunstprojekten teil. Kinder aus Familien mit geringem Einkommen können Gitarre, Flöte oder Klavier lernen. Für Erwachsene gibt es Sport- und Deutschkurse. Auch eine Kita mit rund 80 Plätzen und ein Mehrgenerationenhaus gehören zum Kinderdorf.

Infos: www.sos-kinderdorf.de/kinderdorf-berlin oder unter

Tel. 33 09 93 30.

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