Familie : Für immer weg

Viele Eltern beschäftigen sich ungern mit dem Tod. Aber es ist wichtig, Kinder mit dem Thema vertraut zu machen. Und zwar bevor in ihrem Umfeld jemand stirbt.

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Konfrontation mit dem Tod. Auch einen gestorbenen Vogel zu beerdigen, kann Kindern helfen, sich dem Thema anzunähern.
Konfrontation mit dem Tod. Auch einen gestorbenen Vogel zu beerdigen, kann Kindern helfen, sich dem Thema anzunähern.Foto: IStock

„Ihr Körper wird ganz schwer,
ihr Atem wird immer schwächer
und dann
auf einmal
hört ihr Herz auf zu schlagen
und Hilde Mück stirbt.

Das Ticken des Weckers ist weiterhin zu hören, das Sonnenlicht wandert weiter durch das Zimmer, aber für Hilde Mück hat das Leben aufgehört.*

Die Kinder stehen vor dem offenen, leeren Sarg und streichen vorsichtig mit der Hand über den roten Samt. Fast wie ein Bett, finden sie. Dann klettern sie in den schwarzen Bestattungswagen. Es gibt Kekse und Saft. Sie nehmen sich Papier und Stift und malen Friedhöfe mit Kreuzen, Seelen, die aus Körpern gen Himmel fliegen, Gräber mit Blumen, manche kritzeln mit ein paar Strichen Gott.

Normalerweise kommen in den Schöneberger Laden des Bestatters Fabian Lenzen nur Erwachsene, um ihre Angehörigen beerdigen zu lassen. Doch Lenzen, der auch Sprecher der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg ist, trifft auf vielen seiner Trauerfeiern auf Kinder, die den Tod bis dahin nur bei Fliegen oder Käfern kennengelernt haben. Deshalb lädt er jetzt Kitagruppen ein, sich bei ihm umzusehen. Und erzählt den Mädchen und Jungen, was mit Menschen passiert, die gestorben sind.

Nicht allen Eltern und Erziehern gefällt das. „Sollte man schon kleine Kinder mit dem Tod konfrontieren? Verstehen sie das überhaupt?“, sagen sie. „Am besten sollte man mit ihnen darüber geredet haben, bevor jemand in ihrem Umfeld gestorben ist“, entgegnet er dann. Man kann über den Friedhof spazieren, Bilderbücher mit Geschichten darüber ansehen, tote Ameisen beerdigen. Dann komme der Tod nicht ganz so unvermittelt, wenn er an die Tür klopfe. Psychologen geben dem Bestatter recht.

Kindern merkt man die Trauer nicht immer an

Rund 32 000 Menschen sterben in jedem Jahr in Berlin. Meistens sind es alte Menschen, manchmal auch junge. Sie sind Eltern gewesen, Großeltern, Geschwister, Verwandte, Freunde, Bekannte – und werden von den Lebenden schmerzlich vermisst. Nicht nur von Erwachsenen. Auch von Kindern. Nur merkt man denen das nicht immer an.

„Alle Kinder, die einen Todesfall in ihrem Umfeld erlebt haben, trauern in irgendeiner Weise, meist jedoch anders als Erwachsene“, sagt die Fachbuchautorin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, Barbara Cramer. Typisch sei etwa, dass sie sehr sprunghaft fühlen, in einem Augenblick weinen, im nächsten unbekümmert herumspringen oder spielen. Sie haben noch keine Vorstellung von der Zeit, wissen nicht, was „immer weg sein“ meint und glauben meist, dass der Gestorbene nur vorübergehend fort ist. Sie glauben auch, dass der Tod nur andere, alte Menschen trifft.

Schulkinder beginnen allmählich zu verstehen, dass auch die Eltern sterben können und sie selbst, erklärt sie. Typisch sei auch, dass Kinder in diesem Alter sich schuldig fühlen an dem Tod eines Angehörigen, wenn sie „böse“ über ihn gedacht, ihn sich weggewünscht haben. „Das sollten Eltern wissen“, sagt Cramer.

Wie Erwachsene können Kinder jahrelang immer wieder traurig sein und leiden. Davor können Eltern sie nicht bewahren. „Es ist wichtig, solche Gefühle zu durchleben und eigene Vorstellungen davon zu entwickeln, was es bedeutet, tot zu sein“, sagt die Therapeutin, „und zwar von Kindheit an.“ Ist man ganz weg? Gibt es eine Seele, die zu Gott geht? Verwandeln sich Tote in Engel? Oder wird man als Mensch oder gar als Blume wiedergeboren? „Auch die Eltern wissen das nicht. Sie können aber ihre Kinder dabei unterstützen, zu begreifen, dass das Sterben zum Leben dazugehört“, sagt sie.

So sollte man den Tod beim Namen nennen und nicht „aus dem Leben geschieden“ oder „sanft entschlafen“ sagen, wenn jemand gestorben ist. Denn: Kinder denken begrifflich, nehmen sie aber „entschlafen“ wörtlich, können sie Angst vor dem Einschlafen bekommen.

Eltern sollten aufrichtig sein

„Eltern sollten aufrichtig und behutsam sein und mit den Kindern ihrem Alter entsprechend über das Sterben sprechen“, rät Cramer. „Einem Dreijährigen, der fragt, wann der Opa wieder aus dem Grab ausgebuddelt wird, könnte man etwa sagen: Opa lebt nicht mehr, er atmet nicht mehr, isst nicht mehr, kann nicht mehr spielen. Er ist jetzt weg für immer“, gibt die Therapeutin ein Beispiel.

Bevor sie mit dem Kind sprechen, sollten Eltern sich klarmachen, was sie über den Tod denken und ihrem Kind vermitteln wollen. Und das nicht in langen Monologen erläutern, sondern in wenigen kurzen, verständlichen, gleichen Sätzen. „Will das Kind mehr wissen, fragt es nach.“ Stellen die Kinder angstvolle Fragen, empfiehlt Cramer zu erklären, dass niemand weiß, was nach dem Tod passiert, und gemeinsam etwas Hoffnungsvolles zu tun: zum Beispiel Geschichten wie die von der „Kleine(n) Raupe Nimmersatt“ lesen, die zeigen, dass, wenn etwas vorüber ist, oftmals auch etwas Gutes, Neues beginnt.

Am Mausoleum. Auf dem Friedhof Stahnsdorf gibt es Führungen für Familien (mit Kindern ab 5) zum Thema Sterben und Trauern.
Am Mausoleum. Auf dem Friedhof Stahnsdorf gibt es Führungen für Familien (mit Kindern ab 5) zum Thema Sterben und Trauern.Foto: promo

„Sollten die Kinder mit zur Beerdigung gehen?“, wird der Bestatter Lenzen immer wieder von Eltern gefragt. Er hält das in der Regel für richtig. „Wenn sie mit eigenen Augen sehen, wie der Verstorbene begraben wird, verstehen sie eher, dass er nicht wieder zurückkommen wird.“ Man sollte sie aber vorbereiten, ihnen erklären, warum die Besucher der Trauerfeier Schwarz tragen, sie traurig sein und manchmal weinen werden. Seien die Eltern zu sehr mit der eigenen Trauer befasst, könne sich eine andere Bezugsperson um das Kind kümmern.

Ein Verein hilft, den Verlust zu verschmerzen

Doch wie geht es weiter, wenn nicht der Großvater gestorben ist, sondern die Mutter oder der Vater? Oftmals suchen Familien Hilfe von außen, um den Verlust zu verschmerzen, manchmal unmittelbar, manchmal erst Jahre nach dem Tod, sagt Simone Rönick. Die 51-Jährige leitet den Verein TrauerZeit Berlin, der in Buch ansässig ist und seit 2005 Kinder, Jugendliche und Familien berät, die mit einem solchen Verlust leben müssen. Die Nachfrage ist groß, sagt sie.

In Trauergruppen machen die Kinder hier das, was ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt: Sie halten die Erinnerung wach, erzählen sich von dem verstorbenen Elternteil, gemeinsamen Erlebnissen. Im Regal stehen selbst gestaltete Erinnerungskartons, in denen sie Fotos, T-Shirts oder andere Andenken aufbewahren. „Zu Hause ist für das Erinnern oftmals nicht ausreichend Raum“, sagt Rönick. „Die Erwachsenen stecken in ihrer eigenen Trauerwelt und können die Trauer der Kinder nicht immer auffangen.“ Auch Freunde und Bekannte, Lehrer und Erzieher trauten sich häufig nicht, mit den Kindern über den Verstorbenen zu reden. So werde den Kindern die Möglichkeit verwehrt, den Verlust in Kita, Schule oder Alltag zu integrieren.

Am Geburtstag des Verstorbenen einen Ballon steigen lassen

Trauernde Kinder sind manchmal auch ungehalten oder wütend, wissen nicht, wohin mit ihren widersprüchlichen Gefühlen. Doch es sei sehr wichtig, dass sie einen Ort haben, an dem sie diese Gefühle rauslassen und bearbeiten können, sagt Rönick. Sie rät zu Aktivitäten im Alltag, die den Kindern das Gefühl geben, der Situation nicht ausgeliefert zu sein, und etwas tun zu können, das sie mit dem Verstorbenen verbindet. Bilderrahmen in der Lieblingsfarbe des Vaters gestalten, Trauerengel basteln, über den Gestorbenen erzählen dürfen, etwas Gebasteltes, Steine oder selbst ausgesuchte Blumen auf das Grab legen, zu seinem Geburtstag einen Luftballon steigen lassen. „Damit behält er seinen Platz im Leben des Kindes“, erklärt sie. Denn den wird kein anderer einnehmen können.

*Aus dem Buch „Was passiert mit Hilde Mück“ von Susanna Maibaum, Kirsten van Alphen:, ab 6 bis 12, Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes, Düsseldorf, 2015, 51 S., 6,90 Euro, kann bezogen werden per E-Mail unter fachverlag@bestatter.de (informativ, sachlich)

WEITERE BILDERBÜCHER

Max Velthuijs: „Was ist das, fragt der Frosch“, ab 4, aus dem Englischen von Rolf Inhauser, Beltz & Gelberg, August 2009, 32 Seiten, 6,50 Euro (liebevoll, leicht, hoffnungsvoll)

Ulf Nilsson/Eva Eriksson: „Die besten Beerdigungen der Welt“, ab 5, Moritz Verlag, Frankfurt am Main, 2013, 12. Auflage, 40 Seiten, 13,95 Euro, (als Theateraufführung im Atze-Musiktheater, 9. und 10. Juni, 10 Uhr; Internet: http://bit.ly/1w0Vwpm) (humorvoll, philosophisch, poetisch)

Pernilla Stalfelt: „Und was kommt dann? Das Kinderbuch vom Tod“, ab 5, aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2015, 12. Auflage, 32 S., 11,80 Euro (anregend, lustig, informativ)

Roddy Doyle, Freya Blackwood: „Ganz die Mutter“, ab 5, aus dem Englischen von Christel Rech-Simon, Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2014, 39 Seiten, 19,95 Euro (eher für ältere Kinder, poetisch, traurig, hoffnungsvoll)

LITERATUR FÜR ELTERN

Barbara Cramer: „Bist du jetzt ein Engel? Mit Kindern und Jugendlichen über Leben und Tod reden“, 2., überarbeitete Auflage, dgvt Verlag, Tübingen, 2012, 39 Euro (spannend, praxisnah)


WER WEITERHILFT
Trauerbegleitung, Beratung und berufliche Fortbildung unter anderem für Pädagogen, Therapeuten und Gesundheitsexperten bieten die Vereine TrauerZeit e.V. und Tabea e.V. an. Internet: www.trauerzeit-berlin.de; www.Tabea-ev.de

FÜHRUNGEN

Auf dem Friedhof Stahnsdorf gibt es Führungen für Familien (mit Kindern ab 5) zum Thema Sterben und Trauern. Die nächste ist am 11. Juni um 14 Uhr, Anmeldung unter 0179- 3793503.

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