Familie trauert um Giuseppe Marcone : "Ein böser Traum – aber wir wachen nicht auf"

Giuseppe Marcone starb, als er am Kaiserdamm vor jungen Schlägern flüchtete. Am Freitag wurde der 23-Jährige beerdigt. Von Hass redet die Familie aber nicht.

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War es eine "Hetzjagd" oder nicht? Vor Gericht ging es dabei um den metergenauen Abstand zwischen Giuseppe Marcone und seinem Verfolger.Weitere Bilder anzeigen
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29.03.2012 11:27War es eine "Hetzjagd" oder nicht? Vor Gericht ging es dabei um den metergenauen Abstand zwischen Giuseppe Marcone und seinem...

Hubschrauber hat er als kleiner Junge am liebsten gemalt. Deshalb hätte es ihn bestimmt nicht gestört, dass an diesem Freitagmorgen einer über den Waldfriedhof Dahlem flog – genau in jenem Augenblick, als sechs Träger seinen Sarg aus der Kapelle trugen. Die reichte nicht für alle Trauernden: Hunderte waren gekommen, um sich von Giuseppe Marcone zu verabschieden, der vor drei Wochen auf der Flucht vor Angreifern am U-Bahnhof Kaiserdamm tödlich verunglückt war.

Es fiel kein Wort über die Verfolger, kein Wort des Hasses auf dieser stillen Trauerfeier. „Das hätte Giuseppe nicht gewollt“, sagen Eltern, Brüder, Freunde. Und so war „Wir lieben dich“ der häufigste letzte Gruß für den 23-Jährigen, der viele Freunde hatte. Einige Männer trugen die Kippa und Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, sprach zu den Trauernden. Die Familie hatte darum gebeten, weil Giuseppe zwar kein Jude, der jüdischen Gemeinde aber eng verbunden war.

Jetzt, wo er nicht mehr da ist, vermischen sich seine verschiedenen Freundeskreise noch mehr als vorher. Oft treffen sich die jungen Leute im Garten der Eltern, nehmen einander in die Arme, halten sich lange fest. Länger jedenfalls, als vor diesem 17. September, als die Welt noch in Ordnung, das Leben noch unendlich und Giuseppe noch bei ihnen war.

Klar wussten sie, dass es in dieser Stadt jeden treffen kann. Vor allem nachts in der U-Bahn, wenn die Dschungelgesetze gelten, aber manchmal nicht mal mehr die. „Früher hat man auch mal eins aufs Auge bekommen“, sagt Sefty S., „aber da wurde nicht nachgetreten, wenn einer am Boden lag. Und wenn einer weglief, war Schluss. Heute wird auf Wehrlose weiter eingeschlagen oder getreten. Man will plattmachen, man will töten.“

Sefty S. ist der Onkel von Giuseppe Marcone, der getötet wurde, weil er weglief. Der weglief, als er gegen 4.45 Uhr mit seinem Freund Raul S. auf die drei Männer im U-Bahnhof Kaiserdamm stieß. Zwei von ihnen, davon geht die Staatsanwaltschaft aus, fragten aggressiv nach Zigaretten und schlugen auf Giuseppe und Raul ein. Die flüchteten in verschiedene Richtungen. Dabei lief Giuseppe vor ein Auto, das nicht mehr bremsen konnte. Raul S. kehrte um, leistete dem Freund Erste Hilfe, sah ihn sterben.

Ein paar Stunden später stand Raul S. vor dem Haus der Familie in Westend und versuchte, Giuseppes Mutter die Nachricht zu überbringen. „Ich wusste, dass sich die beiden verabredet hatten“ erzählt Vaja Marcone, „und sagte noch, dass Giuseppe bestimmt gleich kommt.“ Raul erzählte leise von den Männern am U-Bahnhof, von der Flucht, dem Unfall, dass es Giuseppe nicht geschafft habe. Die Mutter begriff nicht: „Was hat er nicht geschafft? Wieder aufzustehen?“ fragte sie. „Er ist leider gestorben“, sagte Raul.

Dann sei es dunkel um sie geworden, sagt Vaja Marcone. Sie wollte keine Details wissen und hat seither wie alle in der Familie irgendwie funktioniert. Der Vater redet wenig. Die Großmutter weint oft. Sie hat erst kürzlich ihren Mann und ihre Mutter verloren – das war auch schlimm, aber die hatten ihr Leben gelebt. Aber Giuseppe? „Er war ein wunderbarer Junge“, sagt die Großmutter: „Fröhlich, freundlich, hilfsbereit – es ist so entsetzlich.“ Die Mutter liest die Briefe von vielen Menschen, die ihren Sohn kannten. Oft liegen Fotos dabei. „Bei jedem Foto weiß ich, dass Giuseppe in diesem Augenblick glücklich war“, sagt sie: „Das tröstet mich. Er sieht auf allen Bildern glücklich aus.“

Die Angreifer sind polizeibekannt. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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