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Peter Jüde : "Mamas Lachen" - Eine Geschichte aus dem Karneval

01.04.2008 12:26 Uhr

Klar, dass Karneval nicht für jedermann gemacht ist. Doch Jan leidet nicht nur unter den Kölner Jecken, sondern auch noch unter seiner Mutter und deren Freund.

Jan ließ den ICE mitten auf der Brücke anhalten. Nach einigen Sekunden setzte sich der Zug wieder in Bewegung, blieb aber auf Höhe des Doms erneut stehen. Jan konnte die Kirche in der Dunkelheit nur undeutlich erkennen. Plötzlich musste er die Augen zukneifen. Schlagartig war es hell geworden, weißes Licht umflutete den Dom. Er konnte ihn in allen Einzelheiten erkennen. Jan hatte den Schalter für den Strahler umgelegt. Eine ungeheure Leistung, solch eine Kathedrale zu bauen. Schließlich konnte man den Dom nicht in einem Laden kaufen und ihn einfach auf die Platte stellen. Der Zug fuhr im Schritttempo in den Kölner Hauptbahnhof ein.

Jan hatte eine schöne Fahrt gehabt. Der angestrahlte Dom, grandios. Es hatte alles funktioniert. Jan schaltete das Deckenlicht wieder an.

"Hallo, Jan." Tom stand in der Kellertür. Er hielt ein Kölschglas in der Hand, prostete Jan zu und trank. "Mensch Jan, die Anlage ist wirklich gut." Tom schob sich seinen Cowboy-Hut in den Nacken. Dann trank er wieder einen Schluck und beugte sich über Jans Landschaft. "Wie du das immer hinkriegst. Sieht alles ziemlich echt aus." "Am Dom habe ich ganz schön lange gearbeitet", sagte Jan. "Das war viel Arbeit, aber jetzt ist alles perfekt, auch die Schienen auf der Hohenzollern-Brücke und hier am Hauptbahnhof sind neu. Ich habe gerade eine Testfahrt gemacht." Tom nickte: "Sehr schön, dein Klein-Köln." Er lachte. Jan drehte sich weg, damit er die Bierfahne nicht riechen musste. "Komm nach oben, deine Mutter hat Berliner geholt." Jan trottete hinter Tom zur Tür. Zweimal drehte Jan den Schlüssel im Schloss und drückte anschließend die Klinke herunter, um zu prüfen, ob die Tür wirklich verschlossen war. Dann zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Hosentasche. So hatte es Papa auch gemacht. Jedes Mal, wenn er den Keller verlassen hatte. Papa hatte sich nie verkleidet. Karneval hatten sie immer zusammen im Keller an der Modelleisenbahnanlage gebaut. Jedes Jahr war Köln größer geworden. Nur den Rosenmontagszug hatten sie sich zusammen angesehen. Mama, Papa, Jan.

Er wischte ihren Kuss wieder ab

Mama kam ihnen im Flur entgegen. Sie war als Bärbelchen verkleidet. Mit den blonden Zöpfen kam sie Jan fremd vor. Sie küsste Tom auf den Mund und bevor er sich wegdrehen konnte, küsste sie auch Jan auf den Mund. Als sie in der Küche verschwand, wischte er ihren Kuss wieder ab. Sein Handrücken war rot von ihrem Lippenstift. Er folgte Tom ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Mama brachte die Schüssel mit Berlinern, die sie vor ihm auf den Tisch stellte. Mama sagte etwas, aber Jan verstand nichts, weil Tom gerade die Musik aufdrehte. Mama und Tom sangen mit, hielten sich an den Händen, Mama schwang ihren Hintern hin und her.

Jan biss in einen Berliner und starrte auf die Maserung des Tischs. Das nächste Lied setzte ein. Tom drehte die Musik etwas leiser, die beiden setzten sich zu ihm auf die Couch. Mama goss Kölsch nach. Mama trank viel Kölsch, seit Papa nach Rosenheim zu seiner Freundin gezogen war. Sie trank jeden Tag Kölsch. Immer abends vor dem Fernseher. Manchmal weinte sie, wenn sie glaubte, dass Jan schlief. Aber Jan beobachtete sie. Einmal hatte sie ihn bemerkt und hatte ihn in ihre Arme gezogen. Sie hatte gestunken. Jan hasste Bier. Menschen, die Bier tranken, stanken. Er schnappte sich drei Berliner, lief die Treppe hinunter in den Keller.

Vom Hauptbahnhof ging es mit der S-Bahn zum Hansaring. Er genoss den Blick auf die Hochhäuser im Mediapark, die Papa noch gebaut hatte. Als die S-Bahn am Hansaring wieder anfuhr, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Poltern, eine Frau lachte. Plötzlich stand Mama in der Kellertür, hinter ihr Tom, der ihr von hinten eine Hand auf die Schulter legte.

Die andere hielt das Kölschglas. Tom trank, Mama sang, sie sang laut. Tom nahm das Glas vom Mund und stimmte ein. "Bitte, geht weg", flüsterte Jan.

Die S-Bahn flog durch die Luft, die Brücke stürzte in den Rhein

Mama und Tom tanzten auf Jan zu. Dabei ließ Tom die Hand von Mamas Schulter gleiten und griff an ihre Brust. Mama kreischte, drehte sich um, versuchte Tom eine Ohrfeige zu geben. Dabei verlor sie das Gleichgewicht. Sie klammerte sich an Tom. Tom wankte. Mama schrie. Zusammen stürzten sie auf das linksrheinische Köln. Die Platte brach in zwei Teile. Die S-Bahn, die gerade den Hansaring hatte verlassen wollen, flog durch die Luft und landete auf der Hohenzollern Brücke. Die Brücke gab nach und stürzte in den Rhein. Mamas Hintern begrub Nippes und Ehrenfeld mit einem Schlag. Den ICE, mit dem Jan eben noch die Testfahrt gemacht hatte, traf die Spitze eines Cowboy-Stiefels, und der gesamte Zug sauste gegen die Kellerwand, fiel hinunter, zerschellte. Die Hochhäuser im Media-Park wurden von Bärbelchens Zöpfen eingerissen. Die Dombeleuchtung zischte, als sich ein Schwall Kölsch über sie ergoss. Und dann lachte Mama. Und Tom lachte. Mama und Tom lagen im zerstörten Köln und lachten.

Jan verließ den Keller. Zweimal drehte Jan den Schlüssel im Schloss und drückte anschließend die Klinke herunter, um zu prüfen, ob die Tür wirklich verschlossen war. Dann zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Hosentasche.

Jan lief nach oben ins Wohnzimmer. Er zog die oberste Schublade der Kommode auf und nahm einen Briefumschlag und alle Briefmarken heraus. Dann setzte er sich in seinem Zimmer an den Schreibtisch und schrieb die Adresse seines Vaters auf den Briefumschlag und klebte die Briefmarken auf. Während er zur Wohnungstür ging, fummelte er den Kellerschlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn in den Briefumschlag. Sorgfältig leckte er den Kleberand, drückte den Umschlag zu. Als er auf die Straße trat, gingen zwei Clowns an ihm vorbei und sangen. Unter Jans Schuhen knirschten Glasscherben. Aus einer Kneipe tönte Musik. Jan rannte zum Briefkasten. Er schloss er die Augen, schob den Brief durch den Schlitz.

Auf dem Rückweg hörte Jan im Hausflur ein Poltern aus dem Keller und nahm auf dem Weg nach oben immer zwei Stufen auf einmal. Er schloss die Wohnungstür hinter sich. Ohne nachzudenken stülpte er sich seinen Kopfhörer über und steckte ihn in die Stereoanlage ein. Dann drückte Jan auf "Play".

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